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veedelbock
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Der weiße Russe
Zico übernimmt ein schweres Traineramt bei Spartak Moskau
Von Johannes Aumüller
Wenn ein ausländischer Fußballer oder Trainer in die finanzstarke russische Liga wechselt, fällt mit einer Sicherheit von 100 Prozent der Satz: Nein, ums Finanzielle geht es bei diesem Transfer ganz bestimmt nicht, sondern allein um die sportliche Weiterentwicklung. Dieser Satz erzeugt bei vielen ein Schmunzeln. Zurecht. Wenn aber in diesen Tagen Brasiliens Fußballidol Zico wegen seines neuen Trainerjobs bei ZSKA Moskau beteuert: „Finanziell gewinne ich mit diesem Wechsel nichts“ – dann darf man das getrost glauben. Denn Zico kommt geradewegs von Bunjodkor Taschkent, einem Verein aus Usbekistan, dessen Präsident Isok Akbarow kürzlich bereit war, für ein Trainingsspiel mit dem FC Barcelona mehr als fünf Millionen Euro zu bezahlen. Da war ein ordentliches Trainersalär in russischer Größenordnung für den Brasilianer Zico sicherlich auch kein Problem.
Es scheint dem 55-Jährigen tatsächlich ums Sportliche zu gehen, zumal er darauf verweisen kann, dass sein neuer Verein ein interessantes Projekt darstellt. ZSKA ist neben Zenit St. Petersburg der perspektivreichste Klub der Premjer-Liga. Die Mannschaft schaffte in der abgelaufenen Saison Platz zwei und spielt im Uefa-Cup in der Runde der letzten 32 gegen Aston Villa. Dennoch befindet sich der von Roman Abramowitsch geförderte Klub im Umbruch. In den vergangenen Monaten haben die Brasilianer Dudu und Jo den Klub verlassen, zudem ging nach der Saison 2008 (in Russland wird nach dem Kalenderjahr gespielt) Trainer Walerij Gassajew – Namen, die für eine erfolgreiche Epoche standen und von 2005 bis 2008 einen Uefa-Pokal-Sieg, zwei nationale Titel und drei Pokalsiege einbrachten.
Nun muss Zico um Starspieler Juri Schirkow eine neue Mannschaft aufbauen. Da sind zum einen die jungen Talente aus der Nachwuchsarbeit von ZSKA, allen voran der 18-jährige Spielmacher Alan Dsagojew, der mit einer starken Leistung im WM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland von sich reden machte. Dazu sollen mit Zico als Aushängeschild noch etablierte Kräfte kommen, denn nicht nur international – ZSKA hat sich als Zweiter der abgelaufenen Saison bereits direkt für die Champions League 2009/10 qualifiziert – warten schwere Aufgaben. Während noch vor einigen Jahren in Russland lediglich drei Moskauer Mannschaften (ZSKA, Spartak, Lokomotive) ernsthafte Anwärter auf die vor deren Tabellenplätze waren, hat sich zuletzt die Spitze verbreitert. St. Petersburg hat mit viel Geld den Kampf mit den drei Moskauer Klubs aufgenommen, aus der Provinz hat sich 2008 Rubin Kasan zum Titel gespielt, und in unmittelbarer Nachbarschaft Moskaus formt der deutsche Trainer Jürgen Röber bei Saturn Ramenskoje ein aussichtsreiches Projekt.
Ob in diesem Rennen aber ausgerechnet Zico helfen kann, ist fraglich. Weder seine bisherigen Trainer-Stationen (die japanische Nationalmannschaft, Fenerbahce Istanbul, Bunjodkor Taschkent) noch die eher schmale Erfolgsliste (türkischer Meister und Champions-League-Viertelfinalist mit Fenerbahce) sind nachdrückliche Empfehlungen. Zudem muss er mit der Popularität seines grummeligen Vorgängers Gassajew zurechtkommen. Geschickt spann der „weiße Pele“ zu seinem Amtsbeginn die Traditionslinien zu Gassajew: „Wir wollen den offensiven Stil von Gassajew fortsetzen. Die Fans lieben Walerij vielleicht. Ich will mir auch ihre Liebe erkämpfen.“ Es käme nicht überraschend, würde Zico in Moskau scheitern. Anders als Nationalcoach Guus Hiddink arbeiteten prominente ausländische Liga-Trainer bisher nicht sonderlich erfolgreich: Die Engagements von Artur Jorge (Dynamo Moskau) und Nevio Scala (Spartak Moskau) endeten 2004 vorzeitig, der Mitte des vergangenen Jahres gekommene Michael Laudrup quälte sich mit Spartak im Mittelfeld der Liga herum. Ausnahme ist Dick Advocaat, der mit St. Petersburg 2007 Meister und 2008 Uefa-Pokal-Sieger wurde.Allerdings hatte der, so sagen viele in Russland, so viel Geld und so viele gute Spieler zur Verfügung, dass es eine Kunst gewesen wäre, nicht Meister zu werden.
Printausgabe Süddeutsche Zeitung, Mittwoch, 14. Januar 2009, Nr. 10 / Seite 29
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veedelbock
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Hertha-Trainingslager
Chermiti will den Platz von Pantelic
Von Daniel Stolpe und Julien Wolff
Die laufende Vorbereitung auf die Bundesliga-Rückrunde soll die erste größere Bühne für Amine Chermiti in Europa werden. Der gebürtige Tunesier kämpft im Hertha-Trainingscamp in Marbella um eine Stammposition im Sturm. Denn schließlich sei er dafür beim Berliner Bundesligisten, sagt er.
Seine Freundin lässt Amine Chermiti auch zwischen zwei Übungen nicht aus den Augen. Es ist eine innige Beziehung, die zwei sind kaum voneinander zu trennen und verstehen sich scheinbar blind. Dass die Partnerin nicht aus Fleisch und Blut ist, ist nebensächlich. Zum einen fehlt dem Stürmer von Hertha BSC dafür die Zeit – erst recht jetzt, während des Trainingslagers. Glücklich ist der 21-Jährige trotzdem: „Der Ball“, sagt er und lacht, „ist meine Freundin.“
Doch wie es so ist, wird Chermiti eifersüchtig, wenn ein Rivale seiner großen Liebe zu nahe kommt. „Amine zeigt immer 100 Prozent Einsatz“, sagt Arne Friedrich, „manchmal übertreibt er es sogar mit dem Grätschen.“ Doch der Hertha-Kapitän weiß zugleich, warum das so ist: „Er möchte einfach so schnell es geht jeden davon überzeugen, dass er ein hervorragender Stürmer ist.“
Viel zu lange musste Chermiti seinen Ehrgeiz – und auch seinen Spieltrieb – bremsen. Von Hertha Anfang August 2008 für 2,2 Millionen Euro verpflichtet (Vertrag bis 2012), riss Ende desselben Monats sogleich das Innenband im linken Knie. Davor und danach hat Chermiti in fünf Pflichtspieleinsätzen zusammengenommen weniger als 60 Minuten gespielt, dazwischen lagen drei Monate Reha.
Ein hohes Maß an Fleiß und Willen
Es war die erste schwere Verletzung seiner Fußballer-Laufbahn, im Umgang mit dieser für ihn neuen Erfahrung attestiert Fitnesstrainer Carsten Schünemann dem Rekonvaleszenten ein hohes Maß an Fleiß und Willen: „Er hat super mitgearbeitet, hat sich nie hängenlassen.“ Umgekehrt gefiel Chermiti, von den Medizinern „nie wie ein Verletzter behandelt worden“ zu sein. Indem sie seinen Körper forderten, steigerten sie das Zutrauen des Spielers in die eigene Physis.
Die laufende Vorbereitung auf die Rückrunde soll die erste größere Bühne für Tunesiens Fußballer des Jahres 2007 in Europa werden. „Ich will hier so gut und bekannt werden wie in meiner Heimat“, sagt Chermiti. Das ist ein hoher Anspruch. Trotz seiner Jugend hat er schon 13 A-Länderspiele bestritten und ist eine nationale Berühmtheit. Mit allen unschönen Begleiterscheinungen: „Ich stand unter ständiger Beobachtung. Alles, was ich tat, wurde analysiert.“
Zum zweiten Mal steht Chermiti ganz am Anfang
In Deutschland und der Bundesliga ist ein solcher Hype noch fern. Zum zweiten Mal steht Chermiti ganz am Anfang. „Amine steigt jetzt richtig ein, er ist wie ein neuer Spieler für uns“, sagt Michael Preetz, Leiter der Lizenzspielerabteilung. Gegen Swinemünde erzielte Chermiti im ersten Test des neuen Jahres beim 3:1 sogleich das erste Hertha-Tor 2009. Doch nicht allein deshalb habe der Stürmer „gezeigt, warum wir ihn geholt haben“, sagt Preetz, der an seinem Nachfolger im Angriff der Berliner besonders dessen Schnelligkeit schätzt. Das Talent, in die Tiefe zu starten und Zuspiele in vollem Lauf weiterzuverarbeiten.
Woran es mitunter noch mangelt, ist Spielintelligenz. Chermiti läuft gern viel – aber nicht immer auch im rechten Moment. Eine „bessere Dosierung der Kräfte“ empfiehlt Manager Dieter Hoeneß, „er muss mehr mit dem Kollektiv spielen“, mahnt Trainer Lucien Favre. Chermiti zeigt sich gelehrig. Er müsse „arbeiten, arbeiten, arbeiten“, sagt er, zum Beispiel am Torschuss mit rechts – um möglichst schon bald die Platzhirsche im Hertha-Angriff, Marko Pantelic und Andrey Voronin, beerben zu können.
Chermiti ist wohlerzogen
„Dafür bin ich hierher gekommen“, sagt Chermiti selbstbewusst. Er weiß: Je eher er nachweist, eine treffsichere Alternative zu sein, desto leichter fällt Hoeneß das Nein zu Pantelic und Voronin. „Hätte ich nicht den Glauben, das schaffen zu können, wäre ich besser in Tunesien geblieben.“
Wer hinter diesen Worten die übliche Kampfansage eines übermütigen Jungprofis vermutet, der irrt. Chermiti ist wohlerzogen, im Norden Tunesiens hat er eine gute Schulbildung genossen – und früh gelernt, eigenständig durchs Leben zu gehen. Auch seine neue Heimat Berlin lernt er auf eigene Faust kennen. Ohne Navigationssystem fand er mit dem Auto auf Anhieb zum Potsdamer Platz und an den Kudamm, der tägliche Weg zum Trainingsgelände ist ohnehin Routine.
Gerade hat Chermiti zum ersten Mal Schnee gesehen. Minus 20 Grad findet er „unglaublich“ und „wirklich verdammt kalt“. Doch es hat ihm gefallen. Von Winterdepression keine Spur. Generell fühlt Chermiti sich in Deutschland keineswegs fremd – sondern: „Frei.“ In Tunesien litt er darunter, mit zunehmender Popularität nicht mehr unerkannt auf der Straße laufen zu können. In Berlin ist es anders; hier ist er es, der aufblickt. Rapper Bushido, der Halb-Tunesier ist und bürgerlich Anis Ferchichi heißt, findet Chermiti „cool“. Den gleichfalls tunesisch-stämmigen Adel Tawil, Sänger des Pop-Duos „Ich + Ich“, hat er sogar schon kennen gelernt. Am liebsten ist Chermiti aber für sich allein. „Ich bin Einzelgänger“, sagt er. Ob seine Freundin, der Ball, das gerne hört?
Printausgabe Berliner Morgenpost, Mittwoch, 14. Januar 2009
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veedelbock
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Anarchie statt Hierarchie
Schalke 04 sucht eine neue Ordnung im Team
Von Jörg Strohschein
Valencia - Es war eine wenig willkommene Überraschung, die die Verantwortlichen des FC Schalke gestern bei der Zeitungslektüre beim Frühstück erwartete. Ungewöhnlich offen hatte Jermaine Jones im Trainingslager des FC Schalke 04 im spanischen Valencia fast ohne jegliche Rücksichtnahme auf handelnde Personen oder Mitspieler das vergangene halbe Jahr des Klubs kritisiert. Und dabei hatte der 27-Jährige bewusst in Kauf genommen, dass er sich das Unverständnis aller Beteiligten zuzog. Der Mittelfeldspieler beschwerte sich über die Einkaufspolitik (Orlando Engelaar), prangerte eine Zweiklassengesellschaft an, in der in der Hinrunde namhafte Spieler (Kevin Kuranyi) trotz mäßiger Leistungen gegenüber deutlich engagierteren Akteuren der zweiten Reihe (Gerald Asamaoh) bevorzugt wurden. „Wir brauchen hier niemanden, der seine Nummer spazieren trägt“, sagte Jones. Zudem forderte er ein härteres Durchgreifen von Trainer Fred Rutten, der sich seiner Auffassung nach zu sehr auf die Beobachterrolle konzentriert hatte: „Hier ist viel zu viel durchgegangen.“
Schalkes Manager Andreas Müller war die gute Laune sichtlich vergangen, als er die Vorwürfe des Nationalspielers kommentierte. „Jermaine hat so emotional reagiert, wie er es auch manchmal auf dem Platz macht“, sagte Müller. Müller deutete Jones’ Aussagen als „Frust, den er noch aus dem Jahr 2008 losgelassen hat“. Repressalien habe der Spieler aber keine zu erwarten. „Wir wollen positiv in das Jahr 2009 starten. Dafür haben wir unsere Maßnahmen getroffen“, sagte Müller und meinte damit unter anderem die Degradierung von Albert Streit und die Vertragsauflösung mit Peter Lövenkrands.
Es sollte sich trotz der harschen Kritik nach einem unbeschwerten Neuanfang anhören. Am Ende ging es Müller aber darum, möglichst wenig von den Problemen der Mannschaft preis zugeben. Ein Dilemma, in dem sich Schalke seit längerer Zeit befinden. Das Team scheint auf der Suche nach neuen Hierarchien zu sein. Unter Ex-Trainer Mirko Slomka nahmen die erfahrenen Spieler wie Marcelo Bordon, Kuranyi oder Mladen Krstajic die Meinungsmacht für sich in Anspruch; diese Zeiten scheinen vorbei zu sein. Vielmehr spielen sich seit Monaten interne Verteilungskämpfe ab, die massive Auswirkungen auf Schalkes sportlichen Erfolg hatten. „Wir brauchen Spieler, die auch mal dazwischen hauen“, hatte Asamoah wenige Stunden vor dem Ausbruch seines Kollegen Jones gefordert. Und damit angedeutet, dass weder der stille Bordon noch die ehemaligen Wortführer derzeit für klare Verhältnisse sorgen können. „Es ist sicher ein Gewöhnungsprozess – für den Trainer und auch die Spieler“, sagte Müller zu möglichen Veränderungen in der Team-Hierarchie. Dennoch sei er zuversichtlich, dass nun „alle wissen, in welche Richtung es gehen soll“.
Die Schalker wandeln auf einem schmalen Grat zwischen Verteilungskämpfen und einem sportlichen Neuanfang. Müllers Miene wollte sich gestern zumindest nicht mehr aufhellen.
Printausgabe Der Tagesspiegel, Donnerstag, 15. Januar 2009
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veedelbock
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Das sichere Gefühl mitten im Krieg
Episode mit Einsichten: Lothar Matthäus hat trotz der Kämpfe im Gazastreifen seine Trainerarbeit in Israel wieder aufgenommen
Von Raphael Honigstein
Netanja – „Nicht erschrecken“, sagt Lothar Matthäus mit einem Lächeln, als er den Besuch in sein winziges Büro führt. Ein Spind, ein Tisch und ein Fernseher stehen in dem fensterlosen Kabuff unter der Stadiontribüne, für mehr reicht der Platz nicht. Die Klimaanlage ist mal wieder kaputt. Eine Dame bringt Espresso und Kekse und errötet, als Matthäus ihr zum Dank eine Kusshand zuwirft; mit spürbarer Ehrfurcht begegnen auch Co-Trainer und Manager dem Deutschen.
Matthäus, der Weltmeister, ist in der 170 000-Einwohner-Stadt schon sechs Monate im Amt, aber so richtig können sie es bei Maccabi Netanja wohl noch immer nicht glauben. Gerade jetzt nicht. Einige ausländische Spieler sind nach der kurzen Winterpause nicht nach Israel zurückgekehrt. Die Kämpfe im Gazastreifen und Raketen der Hamas haben sie abgeschreckt. Aus Sicherheitsgründen sagte die Liga den ersten Spieltag der Rückrunde ab – Matthäus aber ist pünktlich zu einem unbedeutenden Toto-Pokal-Spiel wieder im Dienst gewesen. Er sagt, er habe Verpflichtungen. „Für Freunde und Familie war es natürlich ein Schock“, erzählt er, „denn im Ausland denkt man ja, in ganz Israel herrscht Krieg. Ich habe mich informiert, kenne die Gefahr und glaube, dass ich mich hier, hundert Kilometer nördlich von Gaza, sicher fühlen kann.“ Bisher habe es noch keine Rakete bis Tel Aviv oder Netanja geschafft, „aber gestern kam eine bis nach Gedera hoch, das liegt 30 Kilometer südlich von Tel Aviv, so weit wie noch nie.“ Matthäus sagt: „Vielleicht hatte die Rakete Rückenwind.“
Die Situation ist so traurig, dass man nur lachen kann. Das hat er den Einheimischen abgeschaut. Matthäus lebt zehn Kilometer südlich von Netanja, in Herzlia, einer Diplomaten -und Hightech-Stadt, und damit auch in geographischer Hinsicht inmitten der bu’a, der Blase, wie man in Israel sagt. Die coolen Bars und teuren Restaurants in der säkularen
Landesmitte sind auch in diesen Tagen voll. Man hat dort über Jahrzehnte gelernt, Leid und Tod auszublenden. Matthäus ist in den vergangenen Jahren öfters zu Besuch gewesen. Es gefällt ihm hier, man sieht es in seinem braungebrannten Gesicht, trotz der in sportlicher Hinsicht undankbaren Lage. Gewinnt er mit Netanja, dem Zweiten von 2007 und 2008, die Meisterschaft, ist er Meister in Israel geworden. Nur in Israel. Gewinnt er nicht, wird es heißen, er könne nicht einmal in Israel gewinnen.
Die Ligat Ha’al wird von der Uefa in der Fünfjahreswertung auf Platz 19 geführt, vor den Ligen in Österreich (20.), Serbien (21.) und Ungarn (24.), wo der 47-Jährige zuvor tätig war. Das Engagement bei den „Diamanten“ aus Netanja fühlt sich jedoch nur bedingt wie ein Aufstieg an. „Israel ist kein Fußballland, wie man es sich als Trainer vorstellt“, sagt Matthäus, „Organisation und Infrastruktur sind nicht mit Europa zu vergleichen.“ Die Israelis sind Meister im Improvisieren. Und Amateure im Planen. Er wusste das vorher.
Netanjas Besitzer, der aus Frankfurt eingewanderte Unternehmer Daniel Jammer, 42, hatte ihn mit dem Versprechen eines modernen Stadions gelockt – von dem momentan nur eine Bauruine sichtbar ist. Eine der Firmen ist pleite, der Stadt fehlt das Geld. Matthäus’Team muss deshalb weiter im baufälligen Sartovstadion mit seinen 7000 Plätzen spielen und sogar trainieren. „Wir sind in Europa der einzige Erstligaklub ohne Trainingsplatz“, sagt Matthäus achselzuckend. Die hiesigen Reporter konnten sich vor Saisonbeginn nicht vorstellen, dass der ehrgeizige Franke das jüdische Neujahrsfest im Oktober im Amt erleben würde.Matthäus aber passte sich dem jihije beseder, der Alleswird-gut-sein-Mentalität, verblüffend schnell an und gewann die Öffentlichkeit mit seiner offenen, gelassenen Art.
Ressentiments hat er bisher nicht erlebt. Selbst die religiösen Schnorrer, die an Ampeln Gebetbücher und andere shmonzes verkaufen, würden sich freuen, einen Deutschen zu treffen, erzählt er. Nach einer sehr passablen Hinrunde liegt man vier Punkte hinter Tabellenführer Maccabi Haifa auf dem zweiten Platz. „Wir können von der Meisterschaft träumen“, sagt Matthäus. Kommendes Wochenende soll der Ball wieder rollen, ohne Spiele im vom Raketenbeschuss betroffenen Süden des Landes; Partien in israelisch-arabischen Städten wurden aus Angst vor gewalttätigen Auseinandersetzungen der Anhänger abgesagt oder auf neutralen Boden verlegt. Netanja wird erst Montag antreten. Da der neue Rasen im Stadion nach derWinterpause noch nicht richtig angewachsen ist, lässt Matthäus seine Jungs heute einen lockeren Strandlauf absolvieren. Drei Mädchen kichern und lassen sich mit ihm fotografieren. Er erzählt dem Fitnesscoach lachend von den „Schandtaten“ des angeblichen Schleifers Egon Cordes, seinerzeit beim FC Bayern, und setzt sich dann ins Strandcafé. Seine Spieler laufen alleine los. Während hinter ihm die Sonne im Meer versinkt, erzählt er entspannt von Fehlern und gibt zu, dass er sich sein Imageproblem in Deutschland selber zuzuschreiben habe.
„Ich wünsche mir, dass man sieht, was ich heute mache und wie ich heute bin“, sagt er. Seine Kolumnen zum deutschen Fußball solle man übrigens nicht so ernst nehmen. „Ist doch harmlos.“ Viel ruhiger sei er geworden, nach Niederlagen könne man hier „nicht draufhauen“, sagt Matthäus. Gerade jetzt. „Ein paar der Spieler sind Reservisten und können jederzeit von der Armee eingezogen werden, andere haben Freunde und Verwandte im Süden, direkt oder indirekt sind alle betroffen, darauf muss man Rücksicht nehmen. Man kann auch mit anderen Worten und Mitteln zum Ziel kommen.“ Allein für diese Einsicht könnte sich seine neueste Episode in der Fußballprovinz schon lohnen. Und irgendwann wird – nicht erschrecken – auch das Exil von Lothar Matthäus zu Ende gehen.
Printausgabe Süddeutsche Zeitung, Donnerstag, 15. Januar 2009, Nr. 11 / Seite 39
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veedelbock
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Affront gegen die Kegelbrüder
Zornigen Gedanken zum Trotz bereitet Eintracht Frankfurt die Vertragsverlängerung von Trainer Funkel vor
Von Philipp Selldorf
Köln –Den Artikel, der am Montag im kicker erschien und eine erhebliche Ruhestörung im bis dahin beschaulich betriebenen Trainingslager von Eintracht Frankfurt bewirkte, bezeichnet Heribert Bruchhagen als „Schuss in den Heuhaufen aus heiterem Himmel“. Das klingt zwar nicht danach, als wolle der Vorstandschef von Eintracht Frankfurt die präzise Vorgehensweise des Berichterstatters loben, bedeutet aber andererseits nicht, dass er die überlieferten Informationen grundsätzlich zurückweist. Sinngemäß besagte der Artikel, dass Trainer Friedhelm Funkel keine Lust mehr darauf habe, sich anhaltend vor den vielen Kritikern in Frankfurt für seine Arbeit verantworten zu müssen, weshalb er den Plan gefasst habe, seinen zum Saisonende auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern und nach fünf Jahren am Main eine neue Aufgabe zu suchen.
Zornige Gedanken dieser Art, gibt Bruchhagen am Mittwoch zu verstehen, habe es wohl tatsächlich mal gegeben, aber er ist sicher, dass Funkel sie nicht verwirklichen wird. Genauso überzeugt ist Bruchhagen davon, dass sich auch die Kritiker im Verein, besonders die im renitenten Aufsichtsrat, nicht mehr wehren werden, wenn er in der kommenden Woche einen ordentlichen Vorstandsbeschluss zur Vertragsverlängerung mit Funkel vorlegen wird. „Friedhelm Funkel wird auch nächstes Jahr hier Trainer sein“, verspricht er selbstbewusst und verweist darauf, das Kontrollgremium habe in all den Jahren seit seinem Amtsantritt (Dezember 2003) in keinem wesentlichen Fall ein Veto eingelegt. „Die Sache nimmt ganz unaufgeregt ihren Weg“, meint er.
Bruchhagen spottet
Während der Vorrunde hatte allerdings selbst Bruchhagen eine gewisse Aufgeregtheit in der Trainerfrage nicht mehr leugnen können: Der Weg der Eintracht führte mit magischer Kraft abwärts, bis der Verein im zweiten Saisonviertel in seine den Haushaltsmitteln angemessene Heimat, das Tabellenmittelfeld, zurückfand. Funkel hatte auch in den schlechten Tagen seinen sachlichen Stil beibehalten und sich als stabile Persönlichkeit erwiesen, er hat der Mannschaft trotz furchtbaren Verletzungspechs neue Stärke vermittelt, und schließlich hat er sogar dem Land mit imponierenden Heimsiegen gegen Hannover und Bochum sowie dem 0:5-Desaster in Bremen ein wenig Spektakel geschenkt – sozusagen als Gegendarstellung zum ständigen Vorwurf, Funkel-Fußball verstoße gegen das Unterhaltungsgebot der Bundesliga. Bruchhagen sieht sich durch die Bewältigung der sportlichen Extreme wieder in seiner guten Meinung über den Trainer bestätigt: „Friedhelm Funkel ist berechenbar und ein ganz normaler Mensch, er hat 1000 Spiele als Spieler und Trainer erlebt, viele Krisen durchgestanden, und er tanzt nicht mit den Medien.“
Was also werfen die regelmäßig nach dem Rauswurf des Trainers rufenden Fans und die renitenten Aufsichtsräte dem Mann vor? „Vor Funkel hatte die Eintracht in zehn Jahren 16 Trainer“, gibt Bruchhagen lässig zu bedenken. Offenbar meint er, dass es dem Publikum weiterhin schwer fällt, sich von alten Gewohnheiten zu lösen und die Ansprüche an den herrschenden Maßstäben zu orientieren. Noch gelassener wertet er die dauerhafte Kritik an Funkels sparsamer Verwendung des brasilianischen Edel-Transfers Caio, und am gelassensten beurteilt er das Problem mit den kritischen Aufsichtsräten. „Die Aufsichtsräte möchten öffentlich wahrgenommen werden, damit der Kegelbruder auch mal liest, dass sie ihrer Verantwortung gerecht werden“, sagt der Vorstandschef, der gern spottet: „In unserem Aufsichtsrat gibt es lauter ehrenwerte Leute: Politiker, Wirtschaftsbosse, Banker – wobei die Banker derzeit etwas leiser geworden sind.“
Am Kern von Funkels Problem nicht nur in Frankfurt wird aber auch die Vertragsverlängerung und der Fortbestand der innigen Zusammenarbeit mit Bruchhagen nichts ändern. Gerade die Beständigkeit ist ja ein Grund für die versagte Anerkennung: „Wenn Ralf Rangnick 16 Trainer beschäftigt, dann gilt er als Querdenker und seiner Zeit voraus“, stellt Bruchhagen fest. Nur drei Trainer „Funkel hat nur drei Trainer und gilt als hausbacken. Er möchte sich aber nicht vorwerfen lassen, ein Trainer von gestern zu sein, weil er in seinem Stab keinen Betreuer für den Linksaußen und keinen für den Rechtsaußen hat, keinen Pädagogen und keinen Ernährungsberater.“ Hier weiß selbst der Eintracht-Boss keinen hat, aber er wird keine Kampagne starten, um seinen Trainer als Modernisierer zu präsentieren. „Führe keine Kriege, die du nicht gewinnen kannst“, sagt er. Im Kampf um die Macht bei der Eintracht hat das Duo Bruchhagen/Funkel jedenfalls wieder souverän obsiegt.
Printausgabe Süddeutsche Zeitung, Donnerstag, 15. Januar 2009, Nr. 11 / Seite 40
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veedelbock
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„Nie musste einer so dringend Meister werden“
Werner Simmerl, 64, Mitglied des Bayern-Fanrats, über Trainer Klinsmann und die Stimmung in der Arena
Interview: Thomas Hummel
Werner Simmerl, 64, ist seit Mitte der fünfziger Jahre Anhänger des FC Bayern und hat 2000 zusammen mit dem ehemaligen Präsidenten Willi Hoffmann den ersten Fanklub für Über-Fünfzigjährige (üfü) gegründet. Er steht oder sitzt seit 40 Jahren bei Heimspielen auf Höhe der Mittellinie und ist heute Mitglied im Arbeitskreis Fandialog, genannt Fanrat, des Vereins. Bekannt wurde Simmerl in München als Moderator im Teufelsrad auf dem Oktoberfest, wo er die Besucher meisterhaft derbleckt hat.
SZ: Herr Simmerl, was halten Sie von Buddha?
Simmerl: Mich haben die Buddhas auf dem Trainingsgelände überhaupt nicht aufgeregt. Ob ich jetzt da einen Hundertwasser hinhänge oder ein paar Buddhas aufstelle, ist doch egal.
SZ: Sie sind mit den Maßnahmen von Jürgen Klinsmann zufrieden?
Simmerl: Vor ungefähr einem Jahr hat mich ein Freund, ein Sechzger, angerufen und gesagt: Gratuliere zum neuen Trainer. Frag ich:Wer ist es? Sagt er: J.K. Sag ich: Jürgen Klopp? Er: Nein.
SZ: Haben Sie es erraten?
Simmerl: Auf Klinsmann wäre ich nie im Leben gekommen. Ich und alle meine Freunde haben gesagt: Ja, um Gottes Willen. Alle haben die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen. Aber was sollten wir machen, wir hatten ihn dann.
SZ: Es hört sich schlimm an.
Simmerl: Jetzt muss man ihm die Möglichkeit lassen, Einfluss können wir Anhänger ohnehin keinen nehmen. Und irgendwas müssen sich Hoeneß und Rummenigge ja dabei überlegt haben.
SZ: Das hört sich nicht nach Liebe an.
Simmerl: Es ist noch kein Trainer mit solchen Argusaugen beobachtet worden wie der J.K. Sofort sind alle Klischees rausgekramt worden, der Diver und der Flipper und so weiter. Ich habe ja den Tritt in die Werbetrommel erlebt, oder als er Bayern als Spieler verlassen hat mit der Aussage „Nie wieder Bayern“ – und dann kommt der retour als Trainer. Die Buddhas waren da nur ein Puzzleteil in der ganzen Geschichte.
SZ: Sie wurden aber als Sinnbild des Wandels wahrgenommen.
Simmerl:Wenn diese Statuen was bringen, eine gute Atmosphäre zum Beispiel, dann sollen sie von mir aus jeden Meter einen Buddha aufstellen. Es wurde dem Klinsmann halt gerne vorgehalten, unter dem Motto: „Schau hin, der spinnt.“
SZ: Sind die Fans bisher wenigstens mit der Spielweise zufrieden?
Simmerl: Alle redeten ja vom Klinsmann-System. Ich suche das heute noch. Was soll das für ein System sein? Und als er Mark van Bommel zum Kapitän machte, um ihn dann auf die Bank zu setzen – das hat keiner verstanden.
SZ: Nach den Misserfolgen in der Vorrunde gegen Bremen, Hannover und auch nach dem 3:3 gegen Bochum stand das Projekt Klinsmann schon auf der Kippe.
Simmerl: Aber eines ist auch klar: Es hat noch nie einen Trainer gegeben, den man so schwer rausschmeißen kann wie den Klinsmann. Mit ihm müsste man auch seinen Rattenschwanz, seine ganzen Co-Trainer, loswerden. Und die Führung betet wie einen Rosenkranz runter, dass Klinsmann das volle Vertrauen genießt. Wenn das in die Hosen geht, schreien Hunderttausende: Wir haben es ja gleich gewusst.
SZ: Also geht der Vorstand Risiko ein?
Simmerl: Klar. Man wird fragen: Wie seid ihr auf den Klinsmann gekommen?
SZ: Ist der emotionale Abstand zwischen Klinsmann und den Fans mit den Erfolgen zuletzt geringer geworden?
Simmerl: Ich glaube, dass Klinsmann nicht in den Herzen angekommen ist.
SZ: Kann er das überhaupt?
Simmerl: Es musste wohl noch nie einer so dringend Meister werden wie Klinsmann. Dann schafft er es vielleicht.
SZ: Dabei ist beim FC Bayern selten so attraktiver Fußball geboten worden. Hat das keinen Eindruck hinterlassen?
Simmerl: Doch. Aber wir haben auch viele Punkte verschenkt.
SZ: Dem Bayern-Fan ist wichtiger, dass der Verein gewinnt?
Simmerl: Am besten wäre beides.
SZ: Als Mitglied des Fanrats müssen Sie sich auch mit Problemen auf der Tribüne beschäftigen, die jedes Jahr bei der Hauptversammlung hochkochen. Zum Beispiel mit dem umstrittenen Fanklub Schickeria, der 2007 wegen einer Schlägerei in die Schlagzeilen geriet, als eine Frau ein Auge verlor.
Simmerl: Wenn es Probleme mit der Polizei gibt, ist die Schickeria fast immer dabei. Ich habe im Fanrat auch Kontakte zu jungen Fans, vor allem zur Schickeria und dem Club 12, die im Stadion die meiste Stimmung machen. Und da sehe ich jetzt Einiges mit anderen Augen.
SZ: Mit welchen?
Simmerl: Man muss den Leuten schon eine gewisse Freiheit einräumen.
SZ: Die Fans beschweren sich teilweise massiv, dass sie von der Polizei zu hart angegangen werden.
Simmerl: Ich habe es selbst schon beobachtet, dass Polizisten hinter der Südkurve ab und zu denken: Denen zeigen wir es jetzt. Ich finde, es ist egal, ob eine Fahne einen oder 1,20 Meter lang ist. Da gibt es dann einige Korinthenkacker unter den Polizisten, die den Fans die Fahnen abnehmen, weil sie ein bisschen zu lang sind. Dann regen sich die jungen Fans auf, die Polizisten reagieren wiederum darauf und es schaukelt sich hoch.
SZ: Aber es gibt auch Ausschreitungen der Fans.
Simmerl: Ich bin dagegen, wenn einige meinen,man müsste bei einer Meisterfeier die Innenstadt lahm legen. Auch in Getafe habe ich erlebt, dass junge Fans die spanischen Polizisten provoziert haben. Sie brauchen sich dann nicht wundern, wenn es Ärger gibt. Aber kürzlich ist von der Polizei sogar ein Belobigungsschreiben rausgegangen, dass sie in der Saison 07/08 mit den Fans zufrieden war.
SZ: Es heißt, die Fanklubs mögen sich untereinander nicht.
Simmerl: Naja, das ist nicht das Gelbe vom Ei. Es ist schon besser geworden, aber manchmal muss man über Sachen diskutieren ...
SZ: Zum Beispiel?
Simmerl: Naja. Wenn die eine Fangruppe ein Lied anstimmt, wollen die anderen nicht mitsingen und so weiter. Aber mit dem Fanrat wird vieles besser, glaube ich.
SZ: Sie unternehmen auch selbst etwas für die Stimmung.
Simmerl: Ich habe mich vor dem Heimspiel gegen Hertha BSC ganz weit aus dem Fenster gelehnt, habe zwei Trompeter engagiert und auf 4000 Zetteln dazu aufgerufen, mitzusingen und aufzustehen bei bestimmten Liedern. Unter dem Motto: Die Osttribüne ist kein Friedhof!
SZ: Es hat aber nicht funktioniert.
Simmerl: Danach war ich stinksauer. Gut, die zwei Trompeter waren jetzt nicht unbedingt so laut wie der langjährige Trompeter der Südkurve.
SZ: Wo lag das Problem?
Simmerl: Die Leute sind zu faul, um aufzustehen und Stimmung zu machen.
SZ: Ist das Klischee des Operetten-Publikums bei Bayern richtig?
Simmerl: Die so genannte Operetten-Tribüne ist die Haupttribüne. Viele der Besucher dort werden von Firmen eingeladen und wissen kaum, wer da spielt.
SZ: Und der Rest im Stadion?
Simmerl: Die sind schon mit dem Herzen dabei. Wenn ein Tor fällt, springen unsere Alten fast bis zum oberen Rang rauf. Aber wenn die Kurve anstimmt: „Steht auf, wenn ihr Bayern seid“, bin ich der Einzige, der bei uns aufsteht. Und mir ist es zu blöd, Missionar zu spielen.
SZ: Sie haben den ersten Fanklub für Senioren gegründet. Ein Erfolgsmodell?
Simmerl: Viele Leute wollen mitmachen, aber wir wollen nicht mehr als 50 Mitglieder. Zu Spielen fahren wir mit dem original Bayern-Bus. Den kann man für ein paar Euro mehr mieten. Der hat getönte Scheiben – wenn wir auf einen Rastplatz fahren, rennt alles zu dem Bus. Dann geht die Tür auf und wir alten Deppen steigen aus. Das ist immer lustig.
Printausgabe Süddeutsche Zeitung, Donnerstag, 15. Januar 2009, Nr. 11 / Seite 43
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veedelbock
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Trauern und suchen
Nach Ibisevics schwerer Verletzung fahndet der Bundesliga-Tabellenführer nach einem Angreifer
Von Karsten Doneck
Berlin - Schuldzuweisungen gab es keine. Jan Schindelmeiser beurteilte die Szene als „normalen Zweikampf, völlig unspektakulär, keine dramatische Aktion, auch kein Foulspiel“. Was der Manager des Fußball-Bundesligisten 1899 Hoffenheim da schilderte, endete dennoch nahezu tragisch. Der Hoffenheimer Stürmer Vedad Ibisevic, mit 18 Treffern erfolgreichster Bundesliga-Torschütze in der Hinrunde, zog sich im Testspiel gegen den Hamburger SV in La Manga (Spanien) einen Anriss im vorderen rechten Kreuzband zu. Es sieht so aus, als sei damit die Saison für ihn bereits beendet. Hoffenheim will nun die Suche nach einem neuen Stürmer, der ursprünglich erst im Sommer geholt werden sollte, forcieren. „Wir werden den Auswahlprozess jetzt beschleunigen, aber nicht mit aller Gewalt jemanden verpflichten“, sagte Schindelmeiser dem Tagesspiegel.
Das Testspiel im Rahmen des Trainingslagers gegen den HSV ging bereits in die Schlussphase. Die Hamburger führten 2:0, alles schien gelaufen. Da bestritten der HSV-Verteidiger Jerome Boateng und Ibisevic im Mittelfeld einen Zweikampf. Hoffenheims Stürmer blieb mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen, wurde kurz an der Seitenlinie behandelt. Dann entschied das medizinische Personal der Hoffenheimer, den Torjäger ins knapp 30 Kilometer entfernte Krankenhaus nach Cartagena zu bringen. Mannschaftsarzt Stephan Maibaum sowie der perfekt Spanisch sprechende Physiotherapeut Michael Grau-Stenzel begleiteten Ibisevic. Ihnen fiel ein paar Stunden später auch die Aufgabe zu, Trainer Ralf Rangnick telefonisch über das Ergebnis der im Krankenhaus vorgenommenen Kernspintomographie zu unterrichten. „Verdammt traurig“, sei die Botschaft, ließ Rangnick danach verlauten.
Gestern flog Ibisevic nach Deutschland zurück. In der Uniklinik Heidelberg sollte die Diagnose der spanischen Ärzte durch eine weitere, hochauflösende Kernspintomographie untermauert werden. Bei einer Bestätigung würde der 24-Jährige schon an diesem Wochenen de operiert werden. „Er hinterlässt eine große Lücke“, sagt Schindelmeiser.
Es ist in der Tat ein schwerer Schlag für den Überraschungs-Herbstmeister. Die Hoffenheimer hatten während der Hinrunde mitunter begeisternden Offensivfußball gezeigt, mit 42 Toren gelangen ihnen auch die meisten Treffer aller 18 Bundesligaklubs. Ohne Ibisevic bekommt Hoffenheim jedoch Probleme im Angriff. Chinedu Obasi hat sich von seinem Muskelfaserriss noch nicht vollends erholt, er fällt möglicherweise in den ersten beiden Rückrundenspielen gegen Energie Cottbus und Mönchengladbach aus. Den Brasilianer Wellington halten die Hoffenheimer noch nicht für eine echte Alternative für Ibisevic. „Er braucht noch Zeit“, sagt Jan Schindelmeiser. Das gilt erst recht für den erst 17-jährigen Marco Terrazzino, den Rangnick behutsam an die Bundesliga her anführen möchte. Bleibt im Sturm also vorerst nur Demba Ba als vollwertige Kraft.
Vedad Ibisevic hat mit seinen Toren längst andere Klubs auf sich aufmerksam gemacht, im Ausland wie im Inland. Doch 1899 Hoffenheim reagierte mit der gebotenen Aufmerksamkeit. Der Stürmer aus Bosnien besitzt bei Hoffenheim noch einen Vertrag bis 2010, regte aber von sich aus bereits an, diesen vorzeitig verlängern zu wollen. Sein Verein nahm dieses Zuspiel dankbar auf. Manager Schindelmeiser gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass diese Vertragsverlängerung noch im Januar erfolgreich abgeschlossen werden könnte. Das war vor der schweren Verletzung. An den Umständen, dass man einen so torgefährlichen Mann gerne behalten möchte, ändert Ibisevic Krankenhausaufenthalt indes nichts. Schindelmeiser: „Er hat die meisten Tore geschossen. Das sagt alles.“
Printausgabe Der Tagesspiegel, Freitag, 16. Januar 2009
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veedelbock
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Vom Druck erlöst
Von Sven Goldmann
Vedad Ibisevic hat sich wahrscheinlich eine schwere Verletzung am Kreuzband zugezogen, er wird länger ausfallen, vielleicht sogar für die komplette Rückrunde der Fußball-Bundesliga. Das ist keine schöne Nachricht für die TSG 1899 Hoffenheim. Ibisevic steht mit seinen 18 Toren in 17 Spielen für die sensationelle Hinrunde des Aufsteigers.
Trainer Ralf Rangnick hat immer Wert darauf gelegt, dass der Erfolg seiner Mannschaft ein Produkt des Systems ist. Auch Ibisevic ist nur ein Pinselstrich im Hoffenheimer Gesamtkunstwerk. Kaum eines seiner Tore entsprang einer Einzelleistung, fast alle waren das Produkt eines perfekten Ineinandergreifens aller Rädchen. Ibisevic hat von seinen Sturmkollegen Demba Ba und Chinedu Obasi profitiert, von Sejad Salihovics Flanken, von der Offensivleistung der Mittelfeldspieler Carlos Eduardo und Tobias Weis. Sein Ausfall stellt die Uhr zurück auf die Ausgangsposition vor dieser Saison. Eigentlich war Ibisevic gar nicht eingeplant für die erste Elf der TSG. Im Aufstiegsjahr hatte er seinen Stammplatz auf der Bank – die er in der Ersten Liga nur verlassen durfte, weil Obasi zunächst für das nigerianische Olympiateam stürmte. Im Normalfall hätte Rangnick nur zwei Stürmer spielen lassen.
Es ist zuletzt oft gefragt worden, ob sich die Hoffenheimer Erfolgsgeschichte in der Rückrunde noch steigern lässt. Die Antwort auf diese Frage lautete zumeist: ja, mit dem Gewinn der Meisterschaft. Von diesem Druck ist der Klub durch Ibisevics Verletzung erlöst worden. Niemand wird nun ernsthaft den Titel von ihm verlangen. Dafür können sie zeigen, wie wenig der Erfolg des Kollektivs von der Performance eines Einzelnen abhängt. Hoffenheim kann seine Erfolgsgeschichte auch ohne den Gewinn des Titels fortschreiben. Mit der Qualifikation für das internationale Geschäft, ohne die Tore ihres erfolgreichsten Schützen.
Printausgabe Der Tagesspiegel, Freitag, 16. Januar 2009
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veedelbock
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Im Trainingslager
Hertha will einen fürs Mittelfeld – falls überhaupt
Von Jörg Strohschein
Hertha BSC denkt über eine Verstärkung nach. Für ein paar Tage trainiert der serbische Mittelfeldspieler Darko Lazovic mit, ein 18-Jähriger vom Erstligisten Borac Cacak. Er sei aber "eher kein Thema".
Das Vormittagstraining unter den Palmen von Marbella hat gerade begonnen, da wuselt auf einmal ein neuer Spieler durch die Reihen von Hertha BSC. Blondes Haar, kräftig gebaut – „schau an, der Florian Kringe“, sagt Dieter Hoeneß, doch bevor Herthas Manager noch die Hand zum Gruß heben kann, ist Kringe auch schon wieder weg, in der Hand einen Ball, den seine Dortmunder Kollegen vom Nebenplatz herüber gedroschen haben.
Florian Kringe spielt mal im Mittelfeld, mal in der Verteidigung, mal rechts, mal links, er schießt hart und flankt sicher – damit fügt er sich denkbar gut in das Anforderungsprofil von Lucien Favre. Zwei Wochen vor dem Start in die Bundesliga- Rückrunde fahndet Herthas Trainer noch immer nach einem neuen Spieler, der viel kann und wenig kostet.
Am Sonnabend spielt Hertha BSC gegen Osnabrück - mit Darko Lazovic
Favre wird ein gewisser Hang zur Entscheidungsschwäche nachgesagt. Im aktuellen Fall hat er sich immerhin schon mal auf die Position des potenziellen Neuzugangs festgelegt. Kein Mann für die linke Außenbahn, ein vielseitig zu verwendender Mittelfeldspieler soll es sein. Endlich mal wieder eine Gelegenheit für Favre, seine Lieblingsvokabel „Polyvalenz“ zu strapazieren. Manager Hoeneß hätte ihm gern den Brasilianer Junior Cesar spendiert, aber der war Favre als Spielerpersönlichkeit zu eindimensional angelegt. Lieber gar keinen Neuen als einen, der monovalent auf der linken Seite läuft und dribbelt und flankt. Für ein paar Tage trainiert in Marbella der serbische Mittelfeldspieler Darko Lazovic mit, ein 18-Jähriger vom Erstligisten Borac Cacak. Am Samstag soll er im Test gegen den VfL Osnabrück vorspielen, ist aber laut Hoeneß für die laufende Saison „eher kein Thema“.
Auch Sofian Chahed ist jetzt verletzt
Vielleicht holt Hertha noch Verstärkung, vielleicht auch nicht – die Planung der mittelfristigen Zukunft spielt sich ebenso im Ungefähren ab wie die Vorbereitung auf das erste Bundesligaspiel des Jahres gegen Frankfurt. Die personelle Situation erlaubt kaum Rückschlüsse. Pal Dardai kann nach dem Riss des Außenmeniskus’ in frühestens vier Wochen wieder spielen. Gojko Kacar absolviert nach auskurierter Schienbeinverletzung sein Programm vorwiegend ohne Ball, „für ihn könnte es mit der Kondition eng werden“, sagt Favre. Bei Sofian Chahed brach am Donnerstag die alte Adduktorenverletzung wieder auf, er wird zumindest ein paar Tage kürzer treten müssen. Favre nimmt die Situation gewohnt sanftmütig hin, „wir können es eh nicht ändern“. Es sei ja allgemein bekannt, dass „wir im Angriff fünf Leute für zwei Positionen haben, sonst sind wir leider nicht so großartig besetzt“. Dieter Hoeneß kleidet die personelle Situation in philosophische Worte: „Wenn wir es uns wünschen könnten, würden wir es uns anders wünschen.“
Auch die Planungen über diese Saison hinaus ruhen derzeit. Wie lange bleibt Marko Pantelic, wird der aus Liverpool ausgeliehene Andrej Woronin fest verpflichtet? „Darüber reden wir jetzt nicht, und wir werden es auch in den nächsten Tagen nicht tun“, sagt Hoeneß. Die Mannschaft solle sich in Ruhe auf die Rückrunde vorbereiten, schließlich halte Hertha in Marbella ein Trainingslager ab und kein Verhandlungslager.
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veedelbock
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Lässt sich nicht unterkriegen: Der wehrhafte Rosenthal
Von Christian Purbs
Die magische 50-Spiele-Marke ist eine Richtlinie dafür, ob es ein junger Spieler geschafft hat, sich in der Bundesliga zu etablieren. Jan Rosenthal hat diese Grenze längst überschritten..
56-mal stand der 22-Jährige für Hannover 96 auf dem Platz, und hätte er im dritten Jahr seiner Profikarriere im September 2008 nicht diese vermaledeite Reise mit der „U 21“-Nationalelf nach Moldawien mitgemacht, er hätte sicherlich weit mehr als nur vier Hinrundeneinsätze vorzuweisen. Doch jetzt ist „Rosi“ wieder da, er ist fit und sprüht im Trainingslager vor Spielfreude und Tatendrang.
„Es passt zurzeit alles“, sagt der Mittelfeldspieler. „Ich wünsche mir, dass er seinen Elan auf die Mannschaft übertragen kann – und dass er verletzungsfrei bleibt“, sagt Dieter Hecking. Lange Zeit musste der Trainer auf Rosenthal verzichten. Zu Beginn der Saison war er beim Start gegen Schalke und Stuttgart dabei, danach setzte ihn eine Magen-Darm-Grippe, die er sich in Moldawien eingefangen hatte, außer Gefecht, vor dem Bayern-Spiel zog er sich beim Aufwärmen einen Muskelfaserriss zu.
Kurz vor dem Ende der Hinrunde meldete er sich nach sechswöchiger Reha zurück und musste feststellen, dass sich eine Menge geändert hatte. „Ich war wieder fit, der ganze Mist war vorbei, und ich hatte mich wahnsinnig darauf gefreut, wieder zu spielen“, sagte Rosenthal, den bei seiner Rückkehr die „negative Stimmung beim Team und im Umfeld“ überraschte. „Es war deutlich zu sehen, was der Mannschaft fehlt.“ Doch davon wollte sich Rosenthal nicht anstecken lassen. „Ich hatte die Fitness und hatte gut trainiert. Dass ich dann gegen Wolfsburg spielen durfte, war eine Belohnung und für mich auch ein Wink des Schicksals“, sagt er.
Zum Glück, denn so wurde die Bundesliga um eine weitere Anekdote reicher. Die letzten zehn Minuten stand Rosenthal im 96-Tor – Florian Fromlowitz hatte die Rote Karte gesehen –, und in seiner ersten Aktion als Aushilfs-Keeper parierte „Rosi“ einen Elfmeter. „Das war schon etwas Besonderes“, sagt der 22-Jährige, der jedoch lieber im Mittelfeld für Furore sorgen will.
Dass ihm das in der Rückrunde gelingt, davon ist er überzeugt. Dafür will er kämpfen und, wenn es sein muss, sich auch wehren. Den Vorwurf, sein Spiel sei zu risikoreich, lässt er jedenfalls nicht gelten: „Ich habe den Eindruck, dass man bei mir weniger auf die Sachen schaut, die ich kann, sondern in erster Linie auf die Ballverluste achtet. Die Ballgewinne in Szenen, in denen ansonsten kaum einer den Ball bekommen würde, zählt keiner mit.“
Sätze wie „Einfach spielen, Rosi!“ kann er nicht mehr hören. „Ich weiß, was ich da mache. Und ich weiß auch, dass ich im ersten Rückrundenspiel gegen Schalke, wenn ich spielen sollte, nicht jeden Ball im Harakiri-Stil nach vorne spielen werde.“ Wenn er etwas probiere und versuche, eine Situation nicht mit einem Querpass, sondern optimal zu lösen, dann „wird das von vielen so gesehen, als sei ich zu doof, um einfache Bälle zu spielen“.
Rückendeckung bekommt Rosenthal auch vom Trainer. „Ich habe sein Vertrauen und weiß, dass ich ruhig etwas probieren darf“, sagt er. Talent sei keine Frage des Alters, meint Rosenthal: „Entweder man hat es – oder nicht.
Printausgabe Hannoversche Allgemeine Zeitung, Freitag, 16. Januar 2009
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veedelbock
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Rot ist Rot
Von Klaus Hoeltzenbein
Vermutlich kann die Rechtsunsicherheit, die stets die Debatten bestimmt, sobald in einem Freundschaftskick einer Rot sieht, dadurch vertrieben werden, dass es einen Präzedenzfall gibt: Kurz vor dem Start der laufenden Saison war der für den VfL Wolfsburg ungemein wichtige Stürmer Grafite zu einer Sperre von zwei Ligaspielen plus fünf Testspielen verurteilt worden. Und dies, obwohl der damals dem DFB-Sportgericht vorsitzende Richter Hans E. Lorenz dem Brasilianer mildernd bescheinigte, im Test gegen US Palermo „vielleicht sogar menschlich nachvollziehbar reagiert“ zu haben.
Nur sei „die aggressive Art und Weise seiner Hilfestellung“ mit den Regeln „sportlichen Anstands“ nicht vereinbar gewesen – viel zu aggressiv sei Grafite in die Spielertraube gestürmt, um zu einem am Boden liegenden Mitspieler zu gelangen. Ohne nun die akut gewordenen Fälle Olic (HSV), Eduardo (Hoffenheim) und Frings (Bremen) präjudizieren zu wollen, dürfte es, falls die DFB-Justiz konsequent ist, unwahrscheinlich sein, dass dieses Trio Ende Januar am Rückrundenstart teilnehmen darf. Von Foul (Olic), zur Tätlichkeit (Eduardo), zur Revanche (Olic) bis zur Beleidigung des Schiedsrichters (Frings) wurde fast das gesamte Spektrum möglicher Regelverstöße abgerufen. Nur weil die Ahndung von Testspiel-Karten nie einwandfrei geklärt wurde, weil es oft keine Fernsehkameras, kaum Fotos oder Zeugen gibt, hegen die Klubs stets eine Resthoffnung auf Freispruch aus Mangel an Beweisen.
In allen ordentlichen Wettbewerben ist in der Regel klar, wie sanktioniert wird: Wer in der Liga tritt, wird für die Liga gesperrt, wer im Pokal beleidigt, fehlt im Pokal, und wer in der Champions League ausfällig wird, kommt international auf die Tribüne. Folglich wäre, wer in einem Wald- und Wiesenkick zu Blutgrätsche oder Niederschlag ansetzt, nur für den nächsten Wald- und Wiesenkick gesperrt. Das wäre dann keine Strafe, sondern fast eine Belohnung. Schon um einem solchen Eindruck entgegenzuwirken, dürfte sich die DFB-Justiz an das Grafite-Urteil erinnern. Und daran, dass auf dem Spielplatz Fußball die Tat entscheidend ist, und weniger der Urlaubsort, an dem sie begangen wird.
Printausgabe Süddeutsche Zeitung, Freitag, 16. Januar 2009, Nr. 12 / Seite 27
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veedelbock
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Ein Feinzirkler wackelt
Der Rekordtransfer von Kakà zu Manchester City nimmt angeblich Formen an
Von Birgit Schönau
Rom–Es soll ja auch im Fußball Leute geben, die jetzt den Gürtel enger schnallen wollen. Nicht aber Scheich Mansour bin Zayed al Nahyan. Seit ihm und seiner Abu-Dhabi-United-Group der englische Erstligist Manchester City gehört, versucht der Scheich, die besten Spieler anzuheuern. Geld spielt keine Rolle. Ende
Im November soll City versucht haben, Torwart Gianluigi Buffon von Juventus Turin zu ergattern, angeblich für 70 Millionen Euro. Ein paar Tage hielt das Gerücht die italienische Sportpresse in Atem – kein Wunder, denn die drei Fußball-Tageszeitungen müssen seit Jahren ihrer Millionen-Leserschaft den mageren Transfermarkt der einst teuersten Liga der Welt schmackhaft machen. Da kommen die fetten Brocken vom Tische des Scheichs gerade recht. Bei Buffon tat sich nichts. Nun reden alle über Kakà.
„Für uns geht das in Ordnung“
Rund 100 Millionen Euro soll Manchester bei einem von der Milan-Geschäftsleitung als „Höflichkeitsbesuch“ verniedlichten Treffen am Dienstag in Mailand für den 26-jährigen Brasilianer geboten haben. Im zweiten Anlauf dann schon 120 Millionen Euro. 15 Millionen sollen Kakà als Jahresgehalt in Aussicht gestellt worden sein. Alles Rekordsummen für den Fifa-World-Player 2007, der in Mailand zum Topspieler wurde. Als Kakà 2003 aus Sao Paulo zum AC Mailand kam, kostete er gerade mal neun Millionen Euro. Beim Wechsel zu City würde er der teuerste Fußballer der Welt.
Es ist der Stoff, aus dem die Transferträume sind. Kakà selbst hat erst nur Wasser ins Feuer gegossen – und dann doch ein bisschen Öl. Warum sollte er von einem der erfolgreichsten Klubs der Welt zu einem Verein wechseln, der zuletzt 1968 die Meisterschaft gewonnen hat und zurzeit auf Platz 15 der Premier League dümpelt? „Das ist nicht die erste Offerte, die ich ausschlage“, erklärte Kakà am Dienstag, „für mehr Geld würde ich jedenfalls nicht meine Mannschaft verlassen.“ Am Mittwoch hieß es sybillinisch: „Ich möchte bleiben. Aber natürlich entscheidet darüber der Klub.“
Da ging ein Ruck durch die Exegeten: Schau an, er wackelt, bald ist er fällig. Das Turiner Blatt La Stampa, wie Milans Konkurrent Juventus Turin im Besitz des Fiat-Konzerns, wusste am gestrigen Donnerstag zu berichten, der AC Mailand habe das Angebot der Delegation aus England bereits angenommen und zitierte Manager Adriano Galliani: „Für uns geht das in Ordnung, jetzt müsst ihr mit dem Spieler sprechen.“ Und Kakà sagte im Fernsehen: „Wenn der Klub mich wirklich verkaufen will, müssen wir uns an einen Tisch setzen und miteinander reden.“ Anfang kommender Woche könnte es so weit sein, hinzukommen müssten die Emissäre aus England und Kakàs Vater, der den Sohn betreut. Angeblich soll um eine Klausel verhandelt werden, nach der Kakà unverzüglich gehen kann, wenn sich City 2010 nicht für die Champions League qualifiziert.
Der AC Mailand gilt als Klub, der seine Stammspieler am liebsten bei sich behält. Und Kakà galt bislang als unverkäuflich. „Hoffen wir, dass das auch so bleibt“, hatte vor ein paar Tagen Besitzer Silvio Berlusconi bemerkt – als hingen die Schritte seiner Angestellten gar nicht von ihm ab. Auch nach dem großen Einbruch der Aktienmärkte ist Berlusconi einer der reichsten Männer Italiens, doch mit den Kollegen aus Abu Dhabi kann er sicher nicht konkurrieren. Die letzten Manöver seiner Manager auf dem Transfermarkt (Ronaldinho, Schewtschenko, der Saisonarbeiter Beckham) haben Milan zwar eine Menge Schlagzeilen gebracht, doch den Abstand zum Meister Inter nicht wesentlich verringert.
Kakà bekommt ein Jahres-Nettogehalt von neun Millionen Euro. Mit seinem Verkauf könnte Milan seine Mannschaft runderneuern, wie es weiland Juventus Turin mit den 75 Millionen nach dem Transfer von Zinedine Zidane nach Madrid gelang. Ein Nachfolger des zuletzt verletzungsanfälligen Feinzirklers Kakà scheint auch schon gefunden zu sein: Landsmann Pato, 19. Und das Kleingedruckte im Angebot der Scheichs ist ebenfalls nicht zu verachten: Der AC Mailand wäre seinen Ersatztorwart los. Manchester City will tatsächlich Nelson Dida haben. Damit konnte wirklich keiner rechnen.
Printausgabe Süddeutsche Zeitung, Freitag, 16. Januar 2009, Nr. 12 / Seite 28
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veedelbock
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Alle Hoffnungen ruhen auf den Rückkehrern
In der Rückrunde setzt Eintracht Frankfurt auf Chris und Meier – obwohl weder nach oben noch nach unten viel drin ist
Von Ingo Durstewitz
Patrick Ochs, der rote Renner, hat ein durchaus gesundes Selbstbewusstsein. Das ist kein Geheimnis. Tiefstapelei ist nicht sein Ding, und wer ihn auf die kurzfristigen Perspektiven der Frankfurter Eintracht anspricht, der erfährt, dass diese nicht rosarot, aber doch recht gut seien.
„Wir werden mehr Punkte holen als in derVorrunde“, sagt der Rechtsverteidiger. Da habe die Eintracht die „ersten sieben Spiele verpennt“, jetzt aber habemanmehr Potenzial und mehr Möglichkeiten. „Das wird uns helfen.“ Nur: Bei was? 19 Punkte, Platz zwölf – wenn nichtalles täuscht,wird der Frankfurter Klub diese Spielzeit recht unspektakulär irgendwo im Niemandsland abschließen. Mit dem Abstieg, glauben alle bei der Eintracht, werden die Hessen nichts zu tun haben, nach oben geht natürlich auch nicht viel mehr. Bleibt die Mitte, also Mittelfeld oder auchMittelmaß. Das ist, geht es etwa nach Eintracht-Chef Heribert Bruchhagen, nicht nur nicht schlecht, das ist gut, es ist das Maß der Dinge. Für diese anfangs so verkorkste Saison gilt das ganz sicher.
Bruchhagen sieht, wie er gebetsmühlenartig wiederholt, aber auch mittelfristig keine Chance, in die Phalanx der Großen einzubrechen. Die Eintracht sei finanziell nicht in der Lage, mit den Schwergewichten der Liga Schritt zu halten.Und das wiederum hat zur Folge, „dass einige unserer Spieler limitiert sind.“ Alles eine Frage des Preises. So ruhen die Hoffnungen der Eintracht auf den Rückkehrern aus den eigenen Reihen und einer Neuerwerbung: Alexander Meier, Aleksandar Vasoski und Chris sowie Leonard Kweuke. „DerKonkurrenzkampf ist größer“, sagt Trainer Friedhelm Funkel. „Das wird sich in der Leistung widerspiegeln.“ Es sind gerade Meier und Chris, die die Hoffnung auf bessere Zeiten nähren. Der lange Meier macht nach auskurierter Knieverletzung im Training und im ersten Test gegen Oberhausen schon wieder eine gute Figur, und der Brasilianer Chris soll der wackeligen Innenverteidigung Stabilität und Halt verleihen.
Chris wird nach seiner Schulteroperation im letzten Test beim Zweitligisten Greuther Fürth am 24. Januar, eine Woche vor dem Rückrundenauftakt in Berlin, einen Härtetest absolvieren, imTraining sieht das sehr vielversprechend aus. Ein gesunder Chris ist eine Stütze der Mannschaft. Auch Vasoski ist gut dabei, doch ihm ist die lange Verletzungspause noch hie und da anzumerken. Gegen Augsburg etwa wirkte er ziemlich indisponiert. Ein anderer Hoffnungsträger muss passen, Zlatan Bajramovic fällt wegen einer Entzündung an einer Fußzehe bis mindestens nächsteWoche aus.
Funkel wird ohnehin darum bemüht sein, das Defensivverhalten des Teams zu verbessern. „Wir standen nicht stabil genug“, sagt der Trainer. Auch deshalb sucht die Eintracht nach dem Abgang von Aaron Galindo noch einen zentralen Abwehrspieler. Der soll, nach Möglichkeit, auch als linker Verteidiger eingesetzt werden können. „Das ist unsere Wunschvorstellung“, sagt Bruchhagen. Dem Vorstandschef schwebt einer wie der Schalker Mladen Krstajic vor – in der Form von vor fünf Jahren. „Da würden wir sofort zuschlagen.“ Die linke Abwehrseite ist ohnehin ein Hauptproblem im Spiel der Eintracht, nach dem Knorpelschaden von Christoph Spycher müht sich der gelernte Stürmer Benjamin Köhler hinten links – mit wechselhaftem Erfolg. Köhler fehlt überdies auch als Alternative auf offensiveren Positionen. Alexander Krük, vor dieser Runde als Spycher-Backup aus Emden gekommen und dann lange verletzt, hat im Training nicht nachweisen können, eine echte Alternative als linker Verteidiger zu sein.Und sonst?
Nun, neun der ersten elf Plätze für die erste Partie in Berlin scheinen bereits vergeben: Im Tor steht Markus Pröll, die Abwehr bilden Ochs, Marco Russ, Chris (so die Schulter hält) und Köhler, im Mittelfeld verdingen sich Michael Fink und Markus Steinhöfer, im Sturm Nikos Liberopoulos und Martin Fenin. Alex Meier, Junichi Inamoto (mäßige Vorbereitung bisher) und Mehdi Mahdavikia (sehr ordentlich) scheinen die ersten Anwärter für die verbliebenen Plätze zu sein. Caio (verbessert, aber nicht dominant genug), Faton Toski (völlig enttäuschend) und Neuzugang Kweuke müssen sich wohl gedulden. Der höchst gewöhnungsbedürftig spielende Kweuke hat mit seinen drei Toren in zwei Vorbereitungsspielen schon mal angedeutet, dass er eine Bereicherung sein könnte. Die Frage ist nur, wann.
Printausgabe Frankfurter Rundschau, Freitag, 16. Januar 2009, Nr. 13 / Seite 29
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veedelbock
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Stuttgart plant Zukunft ohne Lehmann
Der 39-jährige Star-Torwart soll verlängern, zögert aber noch – Nachfolger Stolz macht bereits Druck
Portimao – Der Umworbene ziert sich noch, deshalb hat VfB Stuttgarts Sportdirektor Horst Heldt trotz der Bemühungen um Jens Lehmann längst die Weichen für die Zeit nach dem Ex-Nationalkeeper gestellt: Auch im Wintertrainingslager der Schwaben im portugiesischen Portimao ist noch keine Entscheidung über die Besetzung der Torhüter- Position in der kommenden Saison gefallen. Zwar würden die Stuttgarter
gern den am Ende der Spielzeit auslaufenden Vertrag mit Jens Lehmann um ein weiteres Jahr verlängern. Doch der Bundesligist wappnet sich auch
für eine Absage des 39-Jährigen. „Wir haben eine Entscheidung getroffen, was wir dann machen werden“, betonte Sportdirektor Heldt.
Bis der Bundesliga-Zehnte Gewissheit über die wichtige Personalie zwischen den Pfosten hat, werden noch einige Wochen vergehen – im Trainingslager an der Algarve einigte sich Heldt mit Lehmann immerhin auf einen Zeitplan. Um dem Verein genügend Zeit für seine Planungen zu geben, wird sich Ex-Nationaltorhüter Lehmann wohl nach den Uefa-Pokal-Spielen gegen Zenit St. Petersburg (18. und 26. Februar) zu seiner Zukunft äußern. In Portugal schwieg der 39-Jährige zu seiner Situation. Wegen Knieproblemen musste Lehmann jetzt eine Trainingspause einlegen. Der Verein akzeptiert die Wartezeit, denn der Nachfolger für den langjährigen Keeper von Arsenal London steht offenbar bereit: Falls Routinier Lehmann seine Karriere am Ende der Saison beendet, wird Alexander Stolz den Stammplatz im VfBTor übernehmen. Die derzeitige Nummer drei Sven Ulreich soll dann um eine Position aufrücken. Verlängert Lehmann, würde dieses Szenario wohl ein Jahr später vollzogen. Bestätigen möchte Manager Heldt das freilich noch nicht. „Wir wollen alle drei Torhüter halten“, sagte er in Portimao lediglich.
Der 25 Jahre alte Stolz brachte sich während der Vorbereitung auf die Rückrunde erstmals offensiv in Stellung. „Ich bin zu schade für die Nummer zwei“, sagte der Schwarzwälder, dessen Vertrag ebenfalls am Saisonende ausläuft. Über eine Verlängerung habe es bereits „erste gute Gespräche“ gegeben. Ein weiteres Jahr hinter Lehmann könne er sich vorstellen, aber nicht mehr. Sollte der VfB einen neuen Schlussmann verpflichten, wenn Lehmann aufhört, wäre Stolz „riesig enttäuscht“. Den Konkurrenzkampf zwischen seinen nachdrängenden Torleuten hat auch Heldt für die Zeit nach Lehmann schon einmal angeheizt. „Stolz und Ulreich haben beide das Zeug, mittelfristig die Nummer eins zu sein“, betonte er. In der vergangenen Saison war nach der Ausbootung von Raphael Schäfer noch der 20-jährige Ulreich zu elf Bundesliga-Einsätzen gekommen.
Im Sommer wurde Ulreich im Rennen um die Nummer zwei von Stolz überholt, der seither in den UI-Cup-Begegnungen gegen Saturn Ramenskoje (0:1/3:0) zum Einsatz kam und mit seinen Paraden im Rückspiel zum Weiterkommen beitrug. Im Trainingslager spielte Stolz bei den 3:2-Testspielsiegen gegen Ajax Amsterdam und Rot-Weiß Oberhausen jeweils eine Hälfte lang und überzeugte. Für das Duo Stolz/Ulreich als Zukunftslösung hat sich neben Torwarttrainer Eberhardt Trautner offenbar aber auch Jens Lehmann selbst schon stark gemacht. Bereits bei seinem Dienstantritt im Sommer hatte er betont, dass er seine Aufgabe auch darin sieht, die jüngeren Kollegen auszubilden. Dass der 61-malige Nationalspieler seine Rolle als Mentor wirklich ernst nimmt, bestätigte Nachwuchs-Torwart Stolz gern: „Ich kann mir so viel von ihm abschauen. Er gibt uns sehr viele Tipps, wie ein Torwarttrainer.“
Printausgabe Welt kompakt, Freitag, 16. Januar 2009, Nr. 11 / Seite 19
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veedelbock
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„Wir galten als Rowdies, Partygänger und Säufer“
Hertha-Talent Patrick Ebert über seine Ziele, sein schlechtes Image, die Vorbildfunktion von Fußballprofis und die Beschäftigung mit dem Islam
Von Daniel Stolpe
Marbella – Patrick Ebert war bei Hertha BSC schon vieles: Mitglied der Jungen Wilden und Schirmherr des „Kids Club“ genauso wie Sorgenfall auf und neben dem Platz. Nach eineinhalb von Verletzungen überschatteten Jahren hofft der 21- Jährige nun, dauerhaft beschwerdefrei Fußball spielen zu können. Generell strebt Ebert ein neues Image an, die Zeit der Skandale soll vorüber sein. Bei Hertha will er zum Führungsspieler aufsteigen – und es dann ins Nationalteam schaffen.
Berliner Morgenpost: Herr Ebert, Mittwoch trainierten Sie erstmals wieder mit dem Team. Sind sämtliche Verletzungen und Blessuren auskuriert?
Patrick Ebert: Ich bin noch nicht bei 100 Prozent, aber hoffe, dass ich mit jeder Einheit mehr Fitness erlange und spätestens am Ende des Trainingslagers bei 100 Prozent bin.
Sie waren in den vergangenen eineinhalb Jahren häufiger verletzt als gesund. Einfach nur Pech?
Chronisch ist die Schambeinentzündung; sie war auch der Grund für die Operation im Herbst. Die Leistenprobleme waren eine Folgeerscheinung. Im Sommer 2008 sagten Sie: Ich bin im Moment sehr glücklich mit meinem Leben.
– Wie ist es derzeit?
Wegen der Verletzung war ich oft unglücklich und traurig, weil ich nur von der Tribüne aus zuschauen konnte. Als Fußballprofi hat man generell aber ein sehr gutes Leben und ist auch oft glücklich. Sie sagen, Sie bekommen vom Zuschauen regelrecht schlechte Laune. Es ist belastend, wenn du siehst, wie die da spielen und nur zuschauen kannst – vor allem, wenn du von klein auf an nichts anderes als Fußball gedacht hast. Und ich fühle mich nicht als Teil der Mannschaft, wenn ich nicht mitwirken kann.
Nach der weitgehend verlorenen Hinrunde – welche Ziele haben Sie für die Rückrunde?
Keine im Sinne von Einsätzen, Toren oder Vorlagen. Ich will effektiver werden, in den wenigen Spielen der Hinrunde war mir das gelungen. Nun will ich gesund bleiben. Dann kommt der Rest von allein.
Sehen Sie sich als Stammspieler?
Wenn ich gesund bin: ja. Ich denke, ohne die Verletzung hätte ich meinen Platz behalten. So muss ich mich jetzt wieder rankämpfen. Max (Maximilian Nicu – d.R.) hat gut gespielt, den Konkurrenzkampf muss ich annehmen.
Hertha hatte einst große Pläne mit Ihnen, Sie sollten ein Gesicht des Vereins werden. Taugen Sie dazu, wollen Sie das überhaupt?
Auf jeden Fall. Ich will ein Leader der Mannschaft werden. Ich denke, ich habe auch das Zeug dazu.
Was fehlt noch? Sie sind jetzt 21, hoch veranlagt, im dritten Jahr Profi – wo sehen Sie sich selbst?
Noch am Anfang der Karriere. Ich kann noch viel besser werden.
Hat Trainer Lucien Favre Sie schon besser gemacht?
Ganz sicher. Angefangen bei meinem Selbstvertrauen, bei Technik, Torschuss und Ausdauer. Er ist immer bereit, auch individuell zu arbeiten, mit mir beispielsweise an Flanken und Standards.
Sie waren bei Hertha oft auf dem Sprung, konnten sich aber nie auf Dauer etablieren. Als Junioren-Nationalspieler bekommt man schnell das Label „ewiges Talent“ verpasst – macht Ihnen das Angst?
Im deutschen Fußball und speziell in Berlin gerät man schnell in Vergessenheit. Das soll mir nicht passieren. Deswegen versuche ich auch immer, mich durchzubeißen – damit man mich sieht und nicht vergisst. Denn am Ende des Tages ist es das Ziel jedes Fußballers – auch meines –, in die Nationalmannschaft zu kommen.
Abseits des Fußballs, der, wie Sie sagen, von klein auf Ihr Leben bestimmt: Worin finden Sie Erfüllung, was bereitet Ihnen Spaß?
Meine Familie, Freunde, meine Freundin. Wir reden viel, auch nicht über Fußball. Ja, ich interessiere mich sehr für Fußball, für Spieler, für andere Ligen. Aber es ist auch wichtig, den Kopf mit anderen Dingen zu beschäftigen.
Eine Weile taten Sie das mit dem Islam. Wie kam es dazu?
Ich habe die Einstellung, dass jeder Mensch einen Glauben haben sollte. Zumindest sollte er an irgendetwas glauben, und sei es nur an sich selbst. Es gab eine Phase in meinem Leben, da wusste ich nicht, was oder woran und an wen ich glauben soll. Da habe ich mich kurzzeitig mit dem Islam beschäftigt.
Sie sind aber nicht konvertiert?
Nein, ich fühle mich dem Christentum am meisten verbunden.
Was für eine Phase war das, in der Sie nicht wussten, woran Sie glauben sollen?
Es war eine Zeit, in der in meinem Leben viele Sachen schief gegangen sind. Ich war nicht glücklich mit meinen Leistungen, aber es passierten auch Dinge außerhalb des Fußballs.
Sie sprechen über Ihren Führerscheinentzug?
Das meine ich noch nicht einmal. Das war eine Dummheit, die ich begangen habe und nie wieder begehen werde. Nein, ich habe mich in dieser Phase oft hängen lassen, war nicht zufrieden.
Dabei möchte man annehmen, dass Sie ein sorgenfreies Leben leben.
Das ist auch so. Ich rede darüber oft mit Freunden. Sie erinnern mich daran, wie gut es mir als Fußballprofi geht und dass ich mehr verdiene als normale Arbeitnehmer. Aber es gibt auch eine zweite Seite: Du hast viel Stress, bist viel unterwegs, hast viele Termine – und du stehst im Fokus der Öffentlichkeit.
War Ihnen das immer bewusst?
Ich weiß jetzt, dass ich aufpassen muss, wie ich mich abseits des Fußballplatzes benehme und verhalte, weil ich eine Vorbildfunktion für andere Menschen – gerade für kleine Kinder – habe. Da kann ich nicht wilde Sau spielen.
Kevin Boateng gab sich bei seiner Vorstellung bei Borussia Dortmund ähnlich geläutert. Ihm hat sein Berater Jörg Neubauer ins Gewissen geredet. Ihnen auch?
Der Ruf eines Fußballers ist wichtig, kein Zweifel. Ich weiß, dass viel über uns geredet worden ist, über Kevin, mich, über Jerome Boateng und Ashkan Dejagah. Dass wir Draufgänger sind und dämlich noch dazu. Aber das ist nicht so.
Wie ist es denn?
Die Leute glauben zu häufig das, was in den Boulevardzeitungen geschrieben wird. Das wird dem Beschriebenen im seltensten Fall gerecht. Wir galten als Rowdies, Partygänger, Säufer. Wer sich mit uns aber beschäftigt, wird feststellen, dass wir alle was im Kopf haben.
Printausgabe Berliner Morgenpost, Freitag, 16. Januar 2009, Nr. 15 / Seite 26
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veedelbock
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Babbels Verletzungslager
In keiner Trainingseinheit in Portugal hat der gesamte Kader des VfB auf dem Platz gestanden
Von Marko Schumacher
PORTIMAO. Morgen geht das Trainingslager des VfB Stuttgart zu Ende, das von vielen Verletzungen geprägt ist. „Wir müssen es in Zukunft schaffen, die Spieler robuster zu machen“, sagt der Teamchef Markus Babbel.
Jetzt ist doch noch der Regen nach Portugal gekommen. Tiefe Pfützen haben sich auf dem Golfplatz des Hotels Le Méridien gebildet. Und auch auf dem Fußballfeld, auf dem der VfB zweimal am Tag trainiert, herrscht erhöhte Rutschgefahr. Das Wetter wird sich nicht mehr entscheidend ändern bis morgen, wenn die Stuttgarter Reisegruppe wieder ihre Koffer packt und zurück in die Heimat fliegt. Irgendwie passt der Regen auch zur Stimmung des Teamchefs Markus Babbel, dem die vielen angeschlagenen Spieler Sorgen machen. „Wir müssen uns fragen, warum so viele fehlen. Wir müssen eine Lösung finden, dass das in Zukunft nicht mehr so ist.“
Denn Blessuren gibt es in fast allen Mannschaftsteilen, in keiner einzigen Einheit stand der komplette Kader auf dem Platz. > Die Torhüter: Am vorletzten Trainingstag hat es auch noch Jens Lehmann erwischt. Der Stammtorhüter klagte über Beschwerden im Knie und begnügte sich damit, viele Runden um den Trainingsplatz zu spazieren. Bald soll Lehmann wieder fit sein – trotzdem dürfte Babbel zufrieden registriert haben, dass die Nummer zwei immer besser wird. Alexander Stolz hat im Training, vor allem aber im Testspiel gegen Ajax Amsterdam, einen hervorragenden Eindruck hinterlassen. Seine Reaktionsschnelligkeit auf der Linie und sein Geschick in Eins-gegen-eins-Situationen sind die Stärken des 25-Jährigen, der die Nummer eins werden soll, wenn Lehmann aufhört. „Ich hätte keine Bedenken, ihn spielen zu lassen“, sagt Babbel und vergisst auch den dritten Mann nicht, Sven Ulreich: „Er ist ein hochtalentierter Torwart, der jetzt den Konkurrenzkampf annehmen soll.“
> Die Abwehr: Nirgends sind die Verletzungssorgen größer als hier. „Die Innenverteidigung ist unsere Problemzone“, sagt Babbel. Serdar Tasci (Oberschenkelzerrung) konnte an keinem Mannschaftstraining teilnehmen; bei Khalid Boulahrouz war wegen einer Grippe nur ein sehr eingeschränktes Programm möglich. Nur Matthieu Delpierre absolvierte das komplette Pensum. Weil nicht zum ersten Mal in dieser Saison zwei Innenverteidiger ausfallen, will Babbel grundsätzliche Fragen stellen. „Denn eigentlich sind Verteidiger diejenigen, die sich als Letztes verletzen.“ Mit den Physiotherapeuten wird der Teamchef ein Konzept entwickeln, „das die Spieler robuster macht“. Wie das aussehen soll, weiß er noch nicht. „Klar ist nur, dass es so nicht weitergehen kann.“
Ähnlich wie in der Innenverteidigung ist die Situation auf links, wo Ludovic Magnin (Muskelverhärtung) und Arthur Boka (Adduktorenprobleme) fehlen. Auch sie sind nicht zum ersten Mal verletzt. Dass die Sorgen dennoch nicht ganz so groß sind, hängt auch damit zusammen, dass der Ersatzmann Christian Träsch im Test gegen Oberhausen (3:2) einen guten Eindruck hinterlassen hat. Auch Georges Mandjeck nutzte seine Chance und bewies, dass er nicht nur im defensiven Mittelfeld einsetzbar ist, sondern zur Not auch in der Innenverteidigung. Ein Ersatz für Tasci oder Boulahrouz ist er jedoch kaum.
> Das Mittelfeld: So groß die Engpässe derzeit in der Abwehr sind, so groß sind die Variationsmöglichkeiten im Mittelfeld des VfB, wo alle fit sind. Selbst Yildiray Bastürk ist bisher unverletzt über die Runden gekommen. Also hat Markus Babbel die freie Auswahl, was für den Teamchef nur förderlich ist: „Keiner kann sich hängen lassen, jeder gibt in jedem Training Vollgas.“ In dem Konkurrenzkampf sieht Babbel einen entscheidenden Grund dafür, „dass das Niveau spürbar gestiegen ist“.>
Der Angriff: Mario Gomez, auch er zu Beginn des Trainingslagers angeschlagen, wird weiter die Hauptlast der Verantwortung tragen müssen. Hinter ihm nämlich tut sich eine Lücke auf. Den Rumänen Ciprian Marica, der sich in den ersten Trainingstagen in erstaunlicher Frühform präsentierte, warf ein Muskelfaserriss im Oberschenkel aus der Bahn. Und Cacau kämpft weiter mit Adduktorenproblemen, die ihn schon zu Beginn der Saison zu einer wochenlangen Pause gezwungen hatten. Viel früher als erwartet könnte daher die Stunde von Julian Schieber schlagen. Er hat zwar noch einige Defizite, insbesondere das Spiel mit dem deutlich schwächeren rechten Fuß. Dennoch gehört der 19-Jährige zu den Gewinnern des Trainingslagers, nicht nur wegen seines Treffers beim 3:2-Sieg gegen Amsterdam. Babbel sagt: „Julian weiß noch gar nicht, wie gut er eigentlich ist.“ Wenigstens etwas, das den Teamchef zuversichtlich stimmt.
Printausgabe Stuttgarter Zeitung, Freitag, 16. Januar 2009, Nr. 12 / Seite 41
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veedelbock
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Wahlbetrug
Zu dreist gefälscht
Von Julia Macher, Barcelona
Präsident Calderón tritt bei Real Madrid zurück.
Am Ende sah Rechtsanwalt Ramón Calderón doch ein, dass Festhalten am Posten nicht unbedingt ein Unschuldsbeweis ist. Am Freitagmittag gab der in den letzten Wochen heftig in die Kritik geratene Präsident von Real Madrid seinen Rücktritt bekannt. Damit verschleißt der spanische Rekordmeister seinen vierten Präsidenten in drei Jahren. Die Vereinsgeschäfte wird bis zu den vorgezogenen Neuwahlen im Juli der Geschäftsmann Vicente Boluda übernehmen.
Er habe nichts zu verbergen und denke nicht an Rücktritt, hatte der 57-jährige Calderón noch am Mittwoch behauptet. Daraufhin holte die Sportzeitung Marca, die zuletzt kräftig an seinem Stuhl gerüttelt hatte, zum entscheidenden Schlag aus und veröffentlichte Fotos, die heftige Zweifel an seiner Unschuld aufkommen ließen. Calderón war vorgeworfen worden, bei der Generalversammlung des Klubs im Dezember, bei der es um das Budget ging, nicht wahlberechtigte Personen eingeschleust und so das Abstimmungsergebnis manipuliert zu haben. Calderón hatte die Vorwürfe bestritten. Doch die Bilder, die Spaniens auflagenstärkste Zeitung druckte, zeigten seine Familienmitglieder feiernd mit den „falschen Delegierten“. Calderón blieb nichts anderes übrig, als ein wenig rühmliches Kapitel in der Geschichte des laut Eigenaussage „größten Klubs der Welt“ zu beenden.
Calderón versprach Superstars wie Cristiano Ronaldo und Kaká
Schon bei seinem Antritt im Juli 2006 ging es nicht ganz mit rechten Dingen zu; per Briefwahl abgegebene Stimmzettel waren nachträglich für ungültig erklärt werden. Und als habe er selbst nicht an seine Wahl glauben können, veranstaltete Ramón Calderón in den Folgejahren eine Art Dauerwahlkampf in eigener Sache. Er versprach Superstars wie Kaká, Cristiano Ronaldo, Cesc Fabregas und Arjen Robben, von denen allein Letzterer kam. Den von ihm zum „Retter der königlichen Tugenden“ gekürten Trainer Bernd Schuster entließ er nach anderthalb Jahren wieder. Vor der Winterpause prahlte er mit zwei großartigen geplanten Neuzugängen, die Real in der Champions League beflügeln würden. Es kamen Lassana Diarra und Klaas-Jan Huntelaar. Da beide bereits für ihre vorherigen Klubs im Uefa-Pokal zum Einsatz gekommen sind, kann der Klub laut Reglement nur einen für die Champions League anmelden. Ein Fauxpas, der dem Verein Häme und Spott einbrachte.
Eine von Calderóns legendären Übertreibungen gilt allerdings auch für seinen Nachfolger Bolenta: „Es ist angenehmer, in den Minen zu arbeiten oder bei 40 Grad im Schatten im Straßenbau, als Reals Präsident zu sein.“
Printausgabe Der Tagesspiegel, Samstag, 17. Januar 2009
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veedelbock
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Tyrannisch – aber erfolgreich
Von Lars Spannagel
Wer Präsident von Real Madrid werden will, muss nicht unbedingt Ahnung von Fußball haben. Er muss Geld haben, einen Hang zum Größenwahn besitzen und eine gewisse Skrupellosigkeit, um überhaupt ins Amt zu gelangen. Zumindest hinterlässt Ramón Calderón am Ende seiner gut zweijährigen Amtszeit diesen Eindruck. Sein schmutziger Abgang ist ein weiteres Beispiel dafür, dass gerade Fußballvereine anfällig für seltsame Gestalten an ihrer Spitze sind. Zu groß ist der Reiz, auf eitle alte Männer hereinzufallen, solange sie einem brillante Fußballer, großartige Siege und gedemütigte Rivalen versprechen.
Auch nach Calderón wird der Wahnsinn nicht aus Reals Präsidentenamt zu verbannen sein – zu verlockend ist der Posten für machthungrige Männer. Schon einige von Calderóns Vorgängern fielen durch ein lockeres Verhältnis zu Buchhaltung, Demokratie und Wahrheit auf. Doch Reals Fans sind im Zweifelsfall dazu bereit, jedem noch so selbstherrlichen Klubchef zu verzeihen, wenn er die besten Spieler holt und der Klub am Saisonende vor dem FC Barcelona steht. Aber auch damit konnte Calderón nicht dienen.
Der spanische Schriftsteller und Real-Fan Javier Marias hat einmal geschrieben: „Ich weiß nicht, welcher perverse Prozess dazu führt, dass abstoßende, grobe, lächerliche und tyrannische Menschen zu Vereinspräsidenten ernannt werden.“ Man könnte ihm antworten: der Fußball.
Printausgabe Der Tagesspiegel, Samstag, 17. Januar 2009
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veedelbock
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Kevin-Prince Boateng
In friedlicher Ignoranz
Von Sven Goldmann, Marbella
Hertha BSC vermeidet im Trainingslager den Kontakt mit Kevin-Prince Boateng. Die Neuverpflichtung von Borussia Dortmund gibt sich geläutert.
Das Schienbein schmerzt, die Lunge brennt. Ja, das erste Spiel für Borussia Dortmund hat Spaß gemacht, vor allem aber war es anstrengend. Kevin-Prince Boateng würde jetzt gern unter die Dusche verschwinden, aber er hat sich vorgenommen, nett zu sein. Und dazu gehört, dass der in Dortmund eher unbekannte Garagensender Spreekanal sein Interview bekommt. Gern auch vor dem Palmen im spanischen Marbella, wo gerade die früheren Kollegen von Hertha BSC ihr Training absolvieren.
Tottenham zahlte acht Millionen Euro für Boateng
Es ist eine amüsante Fußnote, dass Boateng da in den deutschen Klubfußball zurückkehrt, wo sich auch Hertha auf die Bundesliga-Rückrunde vorbereitet. Gibt es noch Verbindungen? Boateng sagt: „Ich freue mich auf ein Wiedersehen mit Marko Pantelic und Patrick Ebert“, zur Begrüßung fällt er beiden demonstrativ um den Hals. Arne Friedrich schüttelt ihm diplomatisch-pflichtbewusst die Hand, wie es sich für einen Mannschaftskapitän gehört. Ansonsten begegnen sich Hertha BSC und Kevin-Prince Boateng in friedlicher Ignoranz. Herthas Pressesprecher Hans Felder verdreht die Augen. Kontakt? Mit dem? Sonst noch was?
Boateng hat in Berlin zurückgelassen, was man im Krieg verbrannte Erde nennt. Die Mannschaft hat er bei seinem Abschied im Sommer 2007 nach London einen Haufen weich gespülter Jasager genannt. Das ist nicht besonders gut angekommen, auch nicht beim neuen Trainer Lucien Favre, der den Fußballspieler Boateng sehr schätzt und wohl auch gern behalten hätte.
Nach den ersten Grüßen via Boulevard war auch Favre froh. Er hat sich eine neue Mannschaft zusammengebastelt mit den knapp acht Millionen Euro, die Tottenham Hotspur in einem Anfall von Verschwendungssucht in der schönen Zeit vor der Finanzkrise für den damals 20-Jährigen gezahlt hatte. Als Boateng am Donnerstag im Test gegen den VfL Osnabrück zum ersten Mal das Dortmunder Trikot trägt, schaut das Berliner Personal demonstrativ weg. Nur Sportdirektor Michael Preetz wirft ab und zu mal einen Blick hinüber.
„Hey, I touched the ball!“
Jürgen Klopp, der Fußballintellektuelle mit der hohen „geil!“-Dichte in seinem Vokabular, hat sich für den in London Gestrauchelten stark gemacht. „Meist sind die Jungs nicht im Ansatz so schwierig, wie sie gemacht werden“, sagt der BVB-Trainer. Boateng erwidert, von Klopp sei bekannt, „dass er auf verrückte Typen steht“, und wer mit so einem Trainer nicht klarkomme, „der hat mit sich selbst ein Problem“. Gleich am ersten Trainingstag hat er freiwillig das Ballnetz geschleppt, das Haar trägt er weder blondiert noch im Irokesenschnitt, sondern schlicht und kurz und schwarz. Äußerlich erinnert nur die in London gestochene Hals-Tätowierung, eine Krone, an den alten, wilden Kevin-Prince Boateng. Bei der Borussia hat er die Nummer 22 bekommen, „eine andere war nicht mehr frei“, und Klopp stellt ihn auf die Position im halbrechten Mittelfeld. Wahrscheinlich ist Boateng froh, dass die alten Kollegen aus Berlin nicht zugucken, denn in seiner ersten Viertelstunde geht gegen Osnabrück alles daneben. Hier ein Pass ins Nirgendwo, dort ein Fehler bei der Ballannahme, dann hält er im Zweikampf die Sohle über den Fuß eines Gegners, der Schiedsrichter pfeift ab und Boateng brüllt: „Hey, I touched the ball!“
Eineinhalb Jahre in London haben ihre Spuren hinterlassen, auch wenn er nicht allzu oft spielen durfte. 14-mal ist Boateng in der Premier League für Tottenham aufgelaufen, nur einmal über 90 Minuten. Drei Trainer haben ihn an der White Hart Lane weitgehend ignoriert. Zuerst Martin Jol, der ihn gar nicht haben wollte. Dann Juande Ramos, der Boateng zu seinem früheren Klub FC Sevilla hatte holen wollen, bevor Tottenham noch ein höheres Angebot abgab. Zuletzt ließ ihn Harry Redknapp im November für eine Viertelstunde gegen den FC Everton mitkicken, dann war Schluss.
Im Testspiel grätscht Boateng, anstatt den Ball zu streicheln
Über die Zeit in London redet er nicht gern, „ich habe viele Fehler gemacht“, die wenigsten hatten mit Fußball zu tun. Hat er auch etwas Positives mitgenommen? Boateng nickt. „Ich habe gelernt, einfach zu spielen.“ Ein Anflug dieses Lernprozesses ist im Spiel gegen Osnabrück zu sehen. Boateng verzichtet darauf, wie früher den Ball mit der Sohle zu streicheln, er beschränkt sich auf wenige Kontakte, grätscht oft und steht sofort wieder auf den Beinen. Nach der ersten missratenen Viertelstunde findet er langsam ins Spiel. Sein langer Diagonalpass auf Mohamed Zidan leitet einen schönen Angriff ein, „Klasse-Ball, Kevin!“, ruft Klopp.
Ein paar Minuten später bereitet Boateng mit ansatzlosem Zuspiel auf Nuri Sahin das Dortmunder Führungstor vor. Es wird noch ein gutes Debüt, mit viel Einsatz und Übersicht. „Nicht schlecht“, urteilt Michael Preetz, „aber dass Kevin Fußball spielen kann, wissen wir ja alle. Ich hoffe, er nutzt die Chance, die ihm Dortmund bietet.“ Das Leihgeschäft mit Tottenham läuft bis zum Ende der Saison, die Borussia hat eine Kaufoption.
Nach 70 Minuten holt Klopp seinen neuen Mann vom Platz und gibt ihm den obligatorischen Klaps. Boateng setzt sich auf die Steinstufen und schaut seine Kollegen dabei zu, wie sie das Spiel 3:0 gewinnen. Für heute ist er zufrieden mit sich und der Fußball-Welt. Ein Betreuer kommt vorbei und sagt: „Kevin, es ist kalt, zieh dir eine Jacke über.“ Boateng nickt. „Okay, holste mal?“
Printausgabe Der Tagesspiegel, Samstag, 17. Januar 2009
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veedelbock
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„Wie Heinrich Heine in den Pariser Salons“
Konrad Beikircher, Forscher der rheinischen Lebensart, erklärt, warum das Experiment Podolski/München scheitern musste
Interview: Philipp Selldorf
SZ: Herr Beikircher, Sie als langjähriger Forscher der rheinischen Lebensart und Autor des profunden Werks „Et kütt wie et kütt – das rheinische Grundgesetz“ können sicherlich Uli Hoeneß darüber aufklären, warum Lukas Podolski unbedingt aus der Fußballweltstadt München in die Fußballprovinz Köln wechseln will.
Beikircher: Kann ich ihm sagen, klar: Weil es so schön ist in Köln. Aber es hat natürlich auch mit dem Benehmen der Bayern zu tun: Podolski kam als Provinzler in die Metropole – und wurde erst mal im Salon stehen gelassen. Sie haben ihm gesagt: „Wir zeigen dir, wie schön es bei uns ist, aber erst mal musst du hier warten.“ Das hat er nicht verstanden. So muss sich Heinrich Heine in den Pariser Salons gefühlt haben. Am Anfang war er dort ja auch nur der Deutsche. Die Pariser haben ihn links liegen lassen, weil sie meinten: Was will der denn hier? Schließlich hat sich Heine durchgebissen und Eleganz gelernt. Aber die Bayern sind klobiger, so viel Eleganz wie die Pariser haben sie nicht.
SZ: Hoeneß kann den Fall nicht verstehen; er denkt: Der FC Bayern ist doch der Mittelpunkt des deutschen Fußballs, eigentlich der ganzen Welt . .
Beikircher: So denken alle Diktatoren.
SZ: . . . Hoeneß’ ganzes Unverständnis gipfelte dann in der Klage: „Köln, Köln, für ihn (Podolski, Anm.) gibt es nur Köln. Er träumt von Köln Tag und Nacht.“
Beikircher: Ich will dasmal an Uli Hoeneß’ Nürnberger Rostbratwurstfabrik erläutern: Man kann einem Nürnberger nicht erklären, dass auch in Aachen hervorragender Lebkuchen gemacht wird. Das ist ja ganz normal, im Fall Podolski und Köln aber auch sehr speziell. Es gibt dieses Lied der „Höhner“, das sagt eigentlich alles: Köln ist keine Stadt, sondern ein Gefühl. Wenn man–wie Podolski – dieses Gefühl hat, dann kann man darauf nicht verzichten. München wirkt da wie ein Antidot. Es war also bald klar: Podolski wird dort entweder untergehen oder zurückkehren müssen, sonst verliert er seine Gefühlsmitte. Außerdem haben es die Münchner vergeigt: Wenn sie ihn hätten spielen lassen, dann hätte er sein Gefühl zumindest ein paar Jahre vergessen – bis er dann wieder heimgekehrt wäre.
SZ: Streng genommen ist Podolski gar kein Kölner. Geboren wurde er in Gliwice (Gleiwitz), wo er seine ersten beiden Lebensjahre verbrachte.
Beikircher: Dass er in Polen geboren wurde, das spielt keine Rolle. Jeder hier wird Ihnen sagen: Der ist ein Kölscher. Vom Gefühl her. Die Kölner haben gespürt, dass er sich da unten einsam fühlt. Dass er ein Familientier ist – was in Köln sowieso ganz weit vorn ist –und nach Hause will. Und durch den Widerstand der Bayern wurde er im Bewusstsein der Kölner immer kölscher – bis hin zu der grandiosen Forderung im Express: Jetzt muss (Oberbürgermeister) Schramma ran! So ist die allgemeine Überzeugung: Ne Kölsche Jong jehört noh Kölle, denn Köln hat nicht nur geographische, sondern auch emotionale Koordinaten. Es gibt auch mentale Rheinländer, die nie im Rheinland waren, zum Beispiel Albert Einstein.
SZ: Andererseits gibt es die diskriminierenden Ansichten der Ureinwohner über die Wesen aus den umliegenden Kreisen und Gemeinden. Denen wird bestenfalls die Anerkennung als Kölner versagt – oder sie werden gleich als Bauern bezeichnet.
Beikircher: Dennoch ist der Glaube an das Magische im Rheinländer unbeirrbar. Er schafft sich damit seine eigenen Wahrheiten: Am Ende haben sie sogar Willy Millowitsch in den Himmel gehoben, obwohl sie immer unterstellt haben, dass nur die Euskirchener in sein Theater gingen. Bis zu seinem Tod haben sie ihm vorgeworfen, er würde Kölsch mit Knubbeln sprechen. Aber auf der Domplatte betrauerten ihn dann 30 000 Menschen.
SZ:UmPodolski heimzuholen, hat sich in Köln eine gesellschaftliche Bewegung gebildet: Ein Förderverein sammelte Geld, ein Kirchenchor stimmte Bittgesänge an, Fans haben an der Säbener Straße beim FC Bayern demonstriert und so weiter. Wie ernsthaft waren solche Aktivitäten?
Beikircher: Ich weiß zumindest, dass eine ganze Reihe von Leuten, die mit Fußball nix zu tun haben, Kerzen für den Lukas angezündet haben. Und ein Pfarrer aus dem Rechtsrheinischen hat mir erzählt, dass selbst die Zuhälter aus seiner Gemeinde – „meine Zuhälter“, wie er sagt –welche aufgestellt haben. Der Reflex ist: Das ist das Kind in der Fremde, der Junge muss zurück. Das hat mit Religion natürlich nicht viel zu tun, aber man muss sich wundern, dass der Kardinal Meissner nicht durch ein paar nette Sätze über Poldi dieGelegenheit genutzt hat, die Herzen der Kölner zu gewinnen. Schade, dass sich die Kirche da raushält, denn Fußball ist in Köln ein Rundumphänomen, mit vollständiger Einbettung in das Lebensgefühl.
SZ: Peter Millowitsch, der Sohn von Willy, hat jetzt anlässlich von Podolskis bevorstehender Rückkehr erklärt: „Jetzt ist das Leben wieder in Ordnung. Alles ist wieder da, wo es hingehört.“ Ist das nicht, na ja, ein wenig spießig?
Beikircher: Aber nein. Das ist die kölsche Variante von Willy Brandt, ein Wiedervereinigungsgefühl: Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört. Aus Kölner Sicht ist das genau das Empfinden. Bezeichnend ist ja auch, dass in der ganzen Sache keiner übers Geld spricht, also über den ökonomischen Vorgang und dessen Folgen.Weil es einfach zu profan ist.
SZ: Ausländische Experten wie Günter Netzer meinen, der Wechsel bedeute für Podolski einen sportlichen Abstieg.
Beikircher: Das sehe ich anders. Er bekommt ja einen objektiven Ausgleich: Er wird wieder spielen können, und außerdem kriegt er eine Tonne Gefühl nach der anderen entgegen geschaufelt.
SZ: Das kann erdrückend werden.
Beikircher: Klar, wenn man so plattgeliebt wird.Und man muss hoffen, dass Lukas, wenn er wieder da ist, nicht die falschen Dinge sagt. Er muss jetzt bedienen, dass die Kölner ihn immer weiter geliebt und deswegen zurückgeholt haben. Sonst werden die Leute sagen: Der hat sich in München zum Schlechten verändert.
SZ: Podolski erweitert die Reihe der Rückkehrer beim FC: Manager Meier, die Trainer Daum und Koch, Präsident Overath und Vizepräsident Glowacz – lauter Leute von früher. Lebt Köln in der Vergangenheit?
Beikircher: Wenn etwas damals schön war und die Leute von damals noch da sind, dann willmandas wieder haben. Das ist nicht Nostalgie, da gibt es einen Unterschied. Man setzt die Vergangenheit einfach in der Gegenwart fort. Der Rheinländer lebt ja nicht wirklich im Gewebe der Geschichte, er lebt im Jetzt und glaubt an die Regelbarkeit von allem.
SZ: Ist der Rheinländer konservativ?
Beikircher: Im Prinzip ja. Man sieht es am Karneval. Seit Jahren überlegt man, wie man den Karneval modernisiert – und fährt trotzdem fort wie bisher. Das gilt genauso für die revolutionären Alternativen von der „Stunksitzung“. Dabei wäre die Lösung einfach: Rein in das Lokale, raus aus Fernsehen und Mainstream. Aber die Verantwortlichen sagen dann: Eine Milliarde Umsatz – was will man machen?
SZ: Podolski hätte auch nach Rom, Turin, London gehen können, aber er hat den Karrierefortschritt verweigert. Das ist gegen die Konventionen in der amständigen Aufstieg orientierten Leistungsgesellschaft des Profifußballs. Kann er seinen Entschluss vor den Kollegen vertreten?
Beikircher: Aber selbstverständlich. Er ist zu früh weggegangen, hat in München das Fundament nicht gefunden. Was das Seelische angeht, sind Fußballer wie Opernsänger – es macht unglaublich viel aus. Das einzig Richtige für ihn ist also, zurückzugehen. Da sehe ich keinen Abstieg. Wäre er jetzt nach Rom oder London gegangen, wäre das eine Heulsusennummer geworden, das hätte nix gegeben.
SZ: Sie stammen aus Südtirol, leben schon lange in Bonn. Sie könnten das also wissen. Das Alpenland und das Rheinland – stoßen sich diese Mentalitäten ab?
Beikircher: Aber nein. Die Mentalitäten sind verwandt durch die Verwurzelung im Mediterranen, in der italienischen Lebensauffassung. Aus dieser Richtung hätte es also für Podolski in Bayern funktionieren können, aber die diffuse Ähnlichkeit reichte nicht, ihm fehlte halt die Geborgenheit.
SZ: Köln und Podolski: eine Romanze im Profifußball?
Beikircher: Ja, herrlich. Es ist sozusagen Titanic ohne Untergang.
Printausgabe Süddeutsche Zeitung, Samstag/Sonntag 17. /18. Januar 2009, Nr. 13 / Seite 36
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veedelbock
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Eine Frage des Preises
Werder Bremen erwägt den Einstieg eines Investors, um finanziell in Europas Spitze mithalten zu können
Von Jörg Marwedel
Hamburg/Belek – Zuweilen ist es recht angenehm, Vorstandsvorsitzender von Werder Bremen zu sein. Etwa, wenn man während des Trainingslagers im türkischen Belek bei angenehmen Temperaturen eine Runde Golf mit Geschäftsführer Klaus Allofs spielen kann. Jürgen Ludger Born, 68, wird bald darauf verzichten müssen. Vergangene Woche wurde sein Vertrag wie der des Marketing-Geschäftsführers Manfred Müller, 64, zwar noch einmal um ein Jahr bis 2010 verlängert. Dann aber wird es eine Wachablösung geben. Eine Möglichkeit wäre, dass der frühere Nationalspieler Klaus Allofs Borns Nachfolge antritt, für ihn der einstige Nationalspieler Marco Bode den Sportchef-Posten übernimmt und ein Marketingfachmann dazugeholt wird.
Ob es so kommt, ist ungewiss. Sicher ist dagegen, dass sich auch die Bremer Kaufleute verschärft Gedanken machen, ob die derzeitige sportliche Krise (Tabellenplatz acht) nur „auf eine außergewöhnliche Situation“ zurückzuführen oder Bestandteil „einer logischen Entwicklung“ ist. Beide Varianten hält Allofs für denkbar. Sollte man sich intern verständigen, dass Werder die in den vergangenen Jahren erworbenen Meriten als größter Rivale von Rekordmeister Bayern München mit dem bisherigen 112-Millionen-Euro-Etat nicht mehr verteidigen kann, müsse man, so Allofs unlängst gegenüber der tageszeitung, „über Veränderungen nachdenken“. Das könne auch bedeuten, dass man „ein Modell, Aktienanteile zu verkaufen“, erwägt.
In der Tat könnte Werder Bremen so seinen finanziellen Spielraum erweitern. Die Profiabteilung ist längst kein „SV“ mehr, sondern eine „GmbH und Co KG aA“, wobei das letzte Kürzel „auf Aktien“ bedeutet. Wenn der einstige Banker Born über den FC Bayern spricht, der zehn Prozent seiner Aktien für 75 Millionen Euro an die Sportartikelfirma Adidas verkaufte, sagt er: „Ein Superdeal. Da waren die Münchner allen mal wieder voraus.“ Das klingt, als ob man bei Werder nicht mehr wie einst aus Prinzip einen Partner ablehnt. Zumal Born hinterherschiebt, wenn ein „mittelständisches Unternehmen wie Werder ein Angebot von einem seriösen Anbieter erhält, müssen wir es prüfen“. Zu hoch jedoch möchten die Werder-Macher das Thema nicht hängen. Wenn jeder weiß, dass da einer händeringend neue Geldgeber sucht, drückt das den Preis. Deshalb sagt Born: „Wir haben bis jetzt kein realistisches Angebot gehabt und sind auch nicht auf den Markt gegangen.“
Zudem werde man vor der Geschäftsstelle kein Schild mit der Aufschrift
„Suchen Super-Aktionär“ aufstellen. Und auch nicht „110 Jahre Werder-Geschichte verkaufen, nur weil ein Investor mit großen Scheinen wedelt“. Gleichwohl wissen sie in Bremen, dass es immer schwerer wird, der erste Widersacher des FC Bayern zu sein – nicht nur, weil neue Kandidaten wie 1899 Hoffenheim oder der VfL Wolfsburg mit spendablen Geldgebern dazugekommen sind. Es wird immer schwieriger, mit relativ geringen Mitteln erstklassige Spieler zu verpflichten. Spieler, die die Mannschaft auch in Europa voranbringen. In den vergangenen zwei Jahren gab es für Werder in der Champions League deutliche Rückschritte. Profis wie Dusko Tosic (immerhin drei Millionen Euro teuer) oder Boubacar Sanogo (sechs Millionen Euro Ablöse) haben das Team nicht verstärkt, sondern herabgezogen.
Und ein Glücksgeschäft wie mit Claudio Pizarro, der von Chelsea London für eine Saison ausgeliehen wurde und inzwischen der einzige Werder-Stürmer von internationalem Format ist, gibt es nicht alle Tage. Ob Pizarro länger bleibt, hängt vor allem vom FC Chelsea ab, der ihn noch bis 2011 unter Vertrag hat. Schießt er auch im Frühling viele Tore für Werder (in der Hinrunde waren es zehn), holt Chelsea ihn eventuell zurück. Natürlich seien, ahnt Born, nicht nur die Bremer, sondern auch Pizarro und sein Berater gute Kaufleute: „Das müssen wir ganz nüchtern sehen.“ Mit anderen Worten: Auch der Peruaner, der Werders Trainer Thomas Schaaf immerhin auf eine Ebene mit José Mourinho stellt, wird sich eher am Weltmarkt orientieren als an seiner Sympathie für Werder. Natürlich wolle man den sportlichen Erfolg nicht zu jedem Preis, sagt Klaus Allofs. So ein Partner müsste zu Werder passen, auch der Name des Weserstadions stand bisher nicht zur Disposition. Im Prinzip aber geht es bei einem möglichen Aktienverkauf auch darum, ob die Bremer trotz ihrer kaufmännischen Vorsicht nicht nur „Tafelsilber“ (Born) verlieren, sondern auch ein Stück ihrer Identität. „Man kann auch versuchen, mit Geld sportlichen Erfolg zu produzieren“, sagt Born, „bei uns war es zehn Jahre lang umgekehrt.“
Printausgabe Süddeutsche Zeitung, Samstag/Sonntag 17. /18. Januar 2009, Nr. 13 / Seite 36
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veedelbock
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Bundesliga-Plan: Mehr Profil, weniger Risiko
DFL-Chef Seifert sieht deutsche Klubs bald vor der Serie A
Von ROLAND ZORN
FRANKFURT. 67 Prozent aller Fußballinteressierten in Deutschland glauben, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) für die Organisation des Profibetriebs in der Bundesliga verantwortlich ist. Diese Umfrage ist neu und macht auf den ersten Blick deutlich, dass die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und der Ligaverband als ihr Gesellschafter noch immer keine allzu bekannten Größen im nationalen Verbändedickicht sind. Und das acht Jahre nach ihrer Gründung, die einherging mit einer eindeutigen Kompetenzverlagerung und einer weitgehenden Autonomie gegenüber dem DFB. Da wird es langsam Zeit, die eigene Kontur nach außen zu schärfen und daran zu denken, das komplette Bundesligageschäft unter dem Kürzel DFL zu vereinigen. „Die Liga“, sagte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert am Donnerstagabend in Frankfurt, „muss mehr eigenes Profil entwickeln.
Mittelfristig muss man über die Markenarchitektur zwischen Ligaverband und DFL nachdenken.“ Seifert personifiziert den weiten Weg, den die Ligaorganisationen vom einstigen DFB-Ligasekretariat bis zur Gegenwart zurückgelegt haben, die sich auch darin spiegelt, dass die DFL längst nicht mehr mit dem DFB unter einem Frankfurter Dach lebt. Was die Liga will und wofür sie in Zukunft steht, möchte der Vorsitzende der DFL-Geschäftsführung im neuen Jahr persönlich deutlich machen: etwa durch vermehrte Besuche bei den 36 Klubs und Kapitalgesellschaften der ersten und zweiten Spielklasse, aber auch durch Auftritte in Berlin, wo die Bundespolitik gemacht wird, oder in Brüssel, wo das Herz der Europäischen Union schlägt. Dass der Chef persönlich bei den Vereinen vorbeischaut, sollte dem doch recht unscheinbar wirkenden DFL-Sportgeschäftsführer Holger Hieronymus zu denken geben; dass Seifert auch den, wie er sagt, „politisch-regulatorischen Raum“ beackert, hat mit der alltäglichen Realität seines komplexen Jobs zu tun. Er erschöpft sich nicht nur im geschickten Aushandeln von Fernsehverträgen für die Liga.
Aus dem vom 1. Juli an gültigen neuen Kontrakt erlöst die Bundesliga bis 2013 eine Gesamtsumme von 1,65 Milliarden Euro – nur in der ersten Saison des progressiv nach oben gestaffelten Vertrages bleibt der ausgezahlte Betrag mit 390 Millionen Euro um 25 Millionen Euro unter der in dieser Spielzeit gezahlten Summe. Seifert warnt davor, diese temporäre „Delle“ durch riskante finanzielle Transaktionen oder durch eine Aufstockung der ersten Liga auf zwanzig Klubswettzumachen. „Die Bundesliga“, prophezeit er angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise, „wird besser durch dieses Jahr kommen als andere Ligen.“ Sie sei im Übrigen in dieser Saison nach der Koeffizientenwertung der Europäischen Fußball-Union (Uefa) nur noch um einen Punkt von der italienischen Serie A entfernt.
„Wenn die Spieljahre 2004/05 und 2005/06 aus der Wertung herausfallen und wir weiter so aufholen, könnten wir nach der Saison 2010/11 die Serie A als derzeit drittbeste Liga in Europa ablösen. Das würde die Diskussion um die fehlende Wettbewerbsfähigkeit der Bundesliga auf internationaler Ebene in einem neuen Licht erscheinen lassen.“ Dass es in der Champions League zuletzt nicht mehr recht voranging mit den deutschen Klubs, habe auch mit der nahezu selbstzerstörerischen Risikobereitschaft mancher Topklubs zu tun. „Im letzten Champions League-Halbfinale standen zwei Milliarden Schulden auf dem Platz. Es ergäbe überhaupt keinen Sinn, einen gut funktionierenden Wettbewerb (in der Bundesliga) zu ruinieren, um mit den Schuldenklubs der Champions League mitzuspielen.“
Seifert und seine Mitstreiter aus der Liga haben sich für 2009 vorgenommen, stärker als bisher Flagge zu zeigen. Zum Beispiel beim Aushandeln des neuen Grundlagenvertrags, gültig vom 1. Juli an, mit dem DFB zum Ausgleich der Finanzströme, bei dem die Bundesligaklubs bisher draufzahlten – nach eigener Berechnung dreißig Millionen Euro während der vergangenen acht Jahre. „Im zukünftigen Verhältnis zum DFB“, hob Seifert hervor, „muss sichtbar sein, wer Lokomotive und wer Anhänger ist. Wir müssen uns stärker positionieren und wollen deutlichere Fußabdrücke hinterlassen.“ Bei allen teils schwierigen Hausaufgaben, die der Bundesliga bevorstehen – so zum Beispiel die Beantwortung der Frage, ob es bei der Stimmenmehrheit der Vereine in Kapitalgesellschaften der Liga (50-plus-1-Regel) bleibt oder nicht –, sei Deutschlands Fußballinstitution, wie Seifert sagt, „eine tolle Marke“.
Sie wird in dieser Serie erstmals in ihrer Geschichte die „Zuschauerschwelle von zwölf Millionen“ in den Stadien überschreiten. „Doch der sicherste Weg, eine Marke zu ruinieren“, warnt der DFL-Geschäftsführer, „ist, sich damit zufriedenzugeben, was man erreicht hat.“ Diese Gefahr besteht bei einem Dynamiker wie Seifert nicht, der es gewohnt ist, ein hohes Arbeitstempo vorzulegen. Ob ihm dabei die Liga jederzeit folgen will oder kann, ist eine andere Frage.
Printausgabe FAZ, Samstag 17. Januar 2009, Nr. 14 / Seite 28
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veedelbock
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Fink fühlt sich unterbezahlt
Trotz eines aufgestockten Angebots der Eintracht sieht sich der Frankfurter Mittelfeldspieler schon mal nach anderen Arbeitgebern um
Von Von Ingo Durstewitz
Im Trainingscamp an der Algarve hat Michael Fink eine sehr präzise Selbsteinschätzungvorgenommen. Er, Fink, 26 Jahre alt, seit zweieinhalb Jahren Mittelfeldspieler in Frankfurt, habe sich zu einer Führungskraft entwickelt. „Ich übernehme Verantwortung, ich bin hier anerkannt“, sagte der Dauerläufer im Dienst der Eintracht. Und das will der Fußballprofi entlohnt wissen. In Zukunft soll die monatliche Bewegung auf dem Girokonto der Leistung auf dem Feld entsprechen. Mit anderenWorten: „Ich habe einen besseren Vertrag verdient.“
Den hat ihm der Frankfurter Bundesligist auch angeboten. „Ein deutlich verbessertes Angebot“, wie Trainer Friedhelm Funkel sagt. Vorstandschef Heribert Bruchhagen unterbreitete Fink, dessen Arbeitspapier im Sommer 2009 ausläuft, vor einem halben Jahr eine Offerte, die mit der sportlich zweifelsfrei positiven Entwicklung des Spielers korrespondiere. Fink aber lehnte ab. Und auch vor wenigen Tagen schlug er ein identisches Angebot in den Wind. Das gab der von Roger Wittmann beratene Spieler allerdings nur via Springerpresse bekannt.Bruchhagen wusste gestern offiziell von nichts außer einem „wunderbaren Gespräch“ zu berichten. Das ist wohl Auslegungssache. Fink jedenfalls gedenkt nicht, für die von der Eintracht ausgeheckten Konditionen weiterhin das Trikot mit dem Adler auf der Brust zu tragen.
Er werde fortan zweigleisig fahren, um im Sommer nicht ohne Verein dazustehen. Für Bruchhagen ist das ein normaler Vorgang, „der Berater will nun einen Markt herstellen“. Die Eintracht nimmt die ablehnende Haltung des Spielers zur Kenntnis, ohne deshalb in Hektik auszubrechen. „Es ist normal, dass gepokert wird“, sagt Trainer Funkel. Und eines stehe sowieso wie in Stein gemeißelt: „Wenn ein Spieler geht, dann kommt ein anderer.“ Das ist zweifellos richtig. Fink hat sich durchaus zu einem wichtigen Spieler entwickelt, aber er ist nun auch nicht der prägende, überragende Spieler, nicht die Säule, ohne die das Gebilde Eintracht einstürzen würde. Der defensive Mittelfeldspieler, ein loyaler, feiner Kerl und integrer Charakter, hat sich in der Krise zu einer verlässlichen Größe entwickelt, aber er weist auch einige Defizite auf. Sein fehlendes Tempo ist sein größtes Manko. Für eine Anstellung bei einem Spitzenverein wird
es wohl kaum reichen.
Funkel sucht das Gespräch Funkel würde den Spieler dennoch gerne behalten, er wird auch noch einmal das Gespräch mit ihm suchen. „Er ist in der Hierarchie sicherlich nach oben gerutscht, er ist ein zuverlässiger Spieler. Das haben wir in unserem Angebot aber alles berücksichtigt.“ Im Grunde wird sich Fink die Frage stellen müssen: Will er das, was er sich in Frankfurt erarbeitet hat, gegen das Ungewisse eintauschen und woanders bei Null beginnen? Zumal nicht bekannt ist, ob Bruchhagen tatsächlich bereit ist, auf das Angebot erneut eine Schippe draufzulegen. Im Trainingslager hat er bereits angekündigt, dass es aufgrund der Weltwirtschaftslage in Zukunft nicht immer so sein wird, dass Spieler bei einer Vertragsverlängerung zwangsläufig mehr Geld erhalten.
Printausgabe Frankfurter Rundschau, Samstag/Sonntag 17./18. Januar 2009, Nr. 14 / Seite 31
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veedelbock
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„Wer Spaß haben kann, arbeitet auch vernünftig“
Von Christian Purbs
Ansichten eines Trainers: Dieter Hecking macht sich Gedanken – abseits von Abseits, Toren und Ergebnissen. „Es gehört auch dazu, wenn man mal keine Lust hat, sich an die Regeln zu halten“, sagt Dieter Hecking. .
Dieter Hecking? Es kommt nicht allzu häufig vor, dass der Trainer von Hannover 96 ins Plaudern gerät, nicht selten sind die Fragen länger als seine Antworten. Doch an diesem Tag war es anders. Vielleicht lag es an der entspannten Atmosphäre im Robinson Club, vielleicht war er mit den Fortschritten seines Teams besonders zufrieden, oder es war lediglich der richtige Zeitpunkt.
Wie auch immer, das Standardprogramm der täglichen Fragestunde im Trainingslager in Portugal war bereits abgearbeitet (Wie geht’s dem Rücken von Vinicius? Wann haben die Spieler einen freien Nachmittag?), als Hecking über die Betreuung der Profis redete. „Die wichtigste Geschichte für mich ist, dass man mit den Spielern, die auf dem Weg zum Profi sind, sehr professionell und gezielt arbeiten muss“, sagte der 44-Jährige. Auch außerhalb des Platzes? „Ja“, sagte Hecking und gab dann Einblicke in seine Gedankenwelt abseits von Abseits, Toren und Ergebnissen.
Die Ansichten eines Trainers. Und diesmal umgekehrt: kurze Fragen, lange Antworten.
Geht es den Profis in der heutigen Zeit gut? Vielleicht zu gut?
Die Profis haben heutzutage so viel Zeit. Ich bin ein Verfechter davon, die Spieler immer wieder zu animieren, auch außerhalb des Fußballs an ihrer persönlichen Entwicklung zu arbeiten. Wenn ich sehe, was den Spielern alles abgenommen wird, dann sollte man das mal kritisch hinterfragen. Weil man ihnen so auch viel Selbstverantwortung wegnimmt, die man andererseits auf dem Spielfeld von ihnen verlangt. Wenn ich höre, dass Bastian Schulz (96-Mittelfeldspieler, d. Red.) nebenbei Spanisch lernt, dann finde ich das prima. Ich begrüße es immer, wenn ein Spieler seinen Horizont erweitert, weil er so auch mal weg ist vom Fußball.
Die Spieler sind heute fast alle kleine oder große Stars und stehen permanent im Fokus der Öffentlichkeit, selbst jetzt fernab von Hannover in Portugal. Sie dagegen hätten während Ihrer Zeit als Profi auch mal über die Stränge schlagen können, ohne dass es gleich am nächsten Tag in der Zeitung gestanden hätte …
Es ist schade, dass die Spieler das heute nicht mehr können, denn auch das gehört zur Entwicklung einer Mannschaft mit dazu. Wenn wir früher etwas außerhalb der Norm gemacht haben, dann hatten wir zwar ein schlechtes Gewissen, aber wir waren sehr kreativ, um nicht aufzufliegen. Da waren wir mit sieben, acht Spielern unterwegs und uns einig, dass nichts rauskommt.
Das hat zusammengeschweißt – und super geklappt. Es gab auch hin und wieder sogenannte Kabinenfeste. Da stand dann eine Kiste Bier in der Mitte, und man hat sich hingesetzt. In dieser einen Stunde haben wir viel besprochen und auch unsere internen Spannungen geregelt. Da verlieren die Profis heute etwas, was uns damals richtig gut getan hat. Und das ist tatsächlich noch gar nicht allzu lange her.
Damals spielte Geld auch noch nicht so eine große Rolle.
Als ich von Borussia Lippstadt nach Paderborn in die damalige Jugend-Westfalenliga gewechselt bin, hat man mir als Angebot ein Butterbrot hingelegt: Und ich Idiot habe auch noch zugebissen. Damals ging es in erster Linie darum, sich sportlich weiterzuentwickeln. Ich würde jedem Spieler wünschen, so etwas zu erleben. Weil da automatisch Teamgeist aufkommt, da braucht man nicht über teambildende Maßnahmen zu reden.
Die gab es, indem wir auch mal aus dem Trainingslager ausgebüxt sind. Franz Gerber hat mich auch einmal erwischt, beim Hallen-Masters. Das war ein teurer Spaß, ich musste 1000 Mark Strafe zahlen. Es gehört auch dazu, wenn man mal keine Lust hat, sich an die Regeln zu halten. Aber man muss auch dafür einstehen, wenn man erwischt wird.
Andere Profis haben damals bestimmt häufiger über die Stränge geschlagen.
Ich habe mal mit Norbert Nachtweih auf einem Zimmer gelegen, als wir bei Waldhof Mannheim gespielt haben. Das war ein Highlight für mich. Was ich dem an Bauernschläue abgucken konnte, eine bessere Schule konnte es gar nicht geben. Aber der Junge stand jeden Morgen beim Training pünktlich auf dem Platz und hat Gas gegeben. Er hat allen gezeigt: Wer Spaß haben kann, der arbeitet auch vernünftig. Dadurch wächst auch etwas zusammen. Und wenn einer außen vor war, dann haben wir uns den mit vier, fünf Leuten gepackt und ihm den richtigen Weg gezeigt.
Viele Veränderungen, viel geht verloren. Ist das nur ein Problem im Fußball oder auch in der Gesellschaft?
Durch meine fünf Kinder im Alter zwischen 7 und 22 Jahren kann ich da einen Vergleich ziehen. Wenn ich sehe, wie oft meine ältesten Mädchen früher auf der Straße rumgetobt sind und das mit meinen Jungs vergleiche, die im Computerzeitalter groß geworden sind, dann hat sich da viel verändert. Ich war ja schon froh, dass die Jungs, als die Teiche zugefroren waren, ihre Eishockeyschläger rausgeholt haben.
Es verschiebt sich viel, vieles geht einfach unter. Ich mag zum Beispiel die Adventszeit mit den langen Abenden sehr gerne, auch weil man da mehr Zeit für die Kinder hat. Anfang Dezember haben meine Frau und ich überrascht festgestellt, dass wir immer noch gar keinen Adventskranz haben. Am 2. Advent hatten wir dann einen.
Printausgabe Hannoversche Allgemeine Zeitung, Samstag, 17. Januar 2009
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veedelbock
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Marc Stein
Links hinten
Von Sven Goldmann, Marbella
Schon in der E-Jugend spielte er in der Viererkette, war ein guter Leichtathlet. Doch für viele ist der Stamm-Verteidiger von Hertha BSC nur ein Mitläufer geblieben – Trainer Lucien Favre sieht es anders.
Lesen Sie eigentlich Zeitung? Na klar, sagt Marc Stein, „ab und zu schon“, und er könne ganz gut umgehen mit dem, was da über ihn geschrieben wird. Dass er die Umstellung vom Absteiger Hansa Rostock zu einem Spitzenteam noch nicht so recht geschafft habe, dass bei Hertha BSC angeblich alle paar Tage ein neuer Spieler im Gespräch ist für die linke Position in der Viererkette. Für seine Position.
Die Öffentlichkeit macht es dem Fußballprofi Stein nicht leicht. Es gibt dazu eine Vorgeschichte. Sie beginnt am 20. Oktober 2007, als Marc Stein beinahe berühmt geworden wäre. Er spielte damals noch in Rostock, der Gegner hieß Schalke 04, und Stein hat ein Tor geschossen, wie es sich jeder Fußballspieler nur wünschen kann. Der gegnerische Torhüter wollte nach abgefangener Flanke einen Konter einleiten, aber sein schneller Abwurf überraschte den eigenen Verteidiger, Stein sprintete dazwischen und zirkelte den Ball aus 30 Metern mit Gefühl und Überblick ins Tor. Sein Pech im Glück war, dass der Schalker Torhüter Manuel Neuer hieß und als künftige Nummer eins Deutschlands gehandelt wurde. Also wertete die Kritik das kuriose 1:1 von Rostock keineswegs als das, was es war, nämlich ein Traumtor von Stein. Sondern als die erste kapitale Fehlleistung von Neuer, als Beginn einer Krise, die den Schalker vielleicht die Nachfolge von Jens Lehmann im Tor der Nationalelf kostete. Den von der ARD ausgelobten Wettbewerb um das Tor des Monats Oktober gewann nicht der namenlose Rostocker Stein, sondern der Münchner Weltstar Ribéry.
In der allgemeinen Wahrnehmung ist Marc Stein Mitläufer geblieben, bis heute, als Stammspieler beim Bundesligadritten Hertha BSC, der gestern sein Testspiel gegen den Zweitligisten VfL Osnabrück mühsam 1:0 (0:0) gewann – durch ein Tor von Kaka zwei Minuten vor dem Ende.
Stein ist einer, bei dem das Glas im Zweifelsfall immer halb leer, nie halb voll ist. „Mit Kritik muss ich leben“, sagt Stein, natürlich habe er Fehler gemacht, etwa das Gegentor verschuldet bei der 0:1-Niederlage gegen Cottbus, dem gefühlten Tiefpunkt der bislang erfolgreichen Saison. Und nichts gegen die Kritiker, „aber wenn man als Zuschauer auf der Tribüne sitzt, weiß man noch lange nicht, welche konkrete Aufgabe ein Spieler hat. Wenn er diese Aufgabe erfüllt, hat er ein gutes Spiel gemacht. Das ist mein Maßstab.“
Zuweilen verschwimmen die Kriterien der sportlichen Bewertung auch innerhalb der Leitungsebene seines Klubs. Herthas Manager Dieter Hoeneß verhandelte vor ein paar Wochen in Brasilien mit Junior Cesar. Es ist über diese Dienstreise viel geredet worden, über Hoeneß’ Bereitschaft, Geld auszugeben, das Hertha vielleicht gar nicht hat. Dabei ist der Transfer nicht nur an der Finanzierung gescheitert, sondern daran, dass der für den sportlichen Part zuständige Mann bei Hertha den Brasilianer nicht haben wollte. Junior Cesar ist ein Mann für die linke Außenbahn, dort sieht Trainer Lucien Favre keinen Handlungsbedarf. „Wenn wir noch einen neuen Spieler holen, dann muss es einer für das Mittelfeld sein“, hat der Schweizer in diesen Tagen des Trainingslagers in Marbella gesagt.
Die Qualität einer Mannschaft definiert sich auch durch Transfers, die nicht vorgenommen werden, nicht vorgenommen werden müssen. Nach dieser Philosophie ist Favres Weigerung, die spärlichen Mittel für einen linken Verteidiger einzusetzen, ein Kompliment für Marc Stein. Von Favre ist bekannt, dass er so gut wie gar nicht Zeitung liest und dass ihm Kritik von außen ziemlich egal ist. In der internen Diskussion hat er Stein immer verteidigt: „Er läuft viel, macht wenig Fehler und hat ein gutes taktisches Verständnis.“
Marc Stein ist ein Kind des modernen Fußballs. Mitte der Neunzigerjahre, als die Nationalmannschaft noch auf Manndecker und Libero schwörte, wurde in seiner E-Jugend bei Lok Seddin mit Viererkette gespielt. Parallel dazu hat er Leichtathletik trainiert, in der fünften Klasse reichte es zum brandenburgischen Meister im Weitsprung. Heute glaubt Stein, „dass in dieser Kombination aus Leichtathletik und Fußball mein großer Vorteil liegt. Ich bin ausdauernd und sprintstark zugleich, das kommt nicht so oft vor.“
Dabei besitzt er den für einen Linksverteidiger interessanten Makel, dass der linke Fuß sein schwächerer ist. „Das kann beim Flanken ein Problem sein, aber dafür kann ich besser als andere in die Mitte ziehen und aufs Tor schießen“, sagt Stein. Überhaupt hält er seinen linken Fuß lediglich für den weniger starken. „Ich glaube, über meine Flanken kann sich keiner beschweren.“ Schon als Kind hat er daran gearbeitet, annähernd beidfüßig Fußball zu spielen. Das Lernen hält an. Es kommt vor, dass Stein nach dem Training ein Stündchen dran hängt und den Ball immer wieder an eine Mauer schießt. Scharf, mit links, aus kurzer Entfernung, „das schult Reaktionsvermögen und Präzision“. Mit seinen 23 Jahren könne er vielleicht nicht mehr lernen, ein besserer Fußballer zu werden, „aber du kannst daran arbeiten, die Fehler zu minimieren“. Lucien Favre sagt, mit der Anzahl von Marc Steins Fehlern könne er mittlerweile gut leben.
Printausgabe Der Tagesspiegel am Sonntag, Sonntag, 18. Januar 2009
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